
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Bluttat vor den Augen des Babys
Ein Urteil, das Fragen aufwirft
Es ist ein Urteil, das man kaum in Worte fassen kann, ohne dass einem die Sprache stockt. 66 Messerstiche. Ein Säugling auf der Rückbank. Eine Frau, die sterben musste, weil sie sich zu wehren begann. Die Audiencia Provincial auf Mallorca hat den Täter nun zu 25 Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Doch die Erleichterung über das Strafmaß sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Urteil auch ein Anklagepunkt gegen ein System ist, das viel zu oft wegschaut.
Die Tat ereignete sich im Dezember 2024, als der Mann seine Ex-Partnerin trotz einer aktiven Schutzanordnung abfing. Er zwang sie ins Auto, unter dem Vorwand, das gemeinsame Kind abholen zu wollen. Was dann geschah, ist ein Albtraum aus Gewalt und Kontrolle: Plötzlich und ohne Vorwarnung zog er ein Messer und stach 66 Mal auf die Frau ein – während das gemeinsame Baby nur wenige Zentimeter entfernt in seinem Kindersitz saß. Wie die Nachrichtenagentur Europa Press berichtet, wurde das Urteil nun nach einem mehrtägigen Prozess gesprochen, nachdem ein Schwurgericht den Mann bereits für schuldig befunden hatte.
Die tödliche Logik der Dominanz
Besonders bemerkenswert ist die Begründung des Gerichts. Es sieht den Mord nicht als spontane Tat eines emotional überforderten Mannes, sondern als Ergebnis einer systematischen Unterdrückung. Der Täter handelte demnach „aufgrund der Konditionierung durch die Geschlechtszugehörigkeit“ seines Opfers und des „Kontexts der Unterwerfung“, in dem er sie hielt. Das ist ein wichtiger Präzedenzfall – denn es nimmt jenen die Argumentationsgrundlage, die solche Taten gerne als „Beziehungstragödien“ verharmlosen. Nein, das war keine Tragödie. Das war die letzte Eskalationsstufe eines Machtverhältnisses, in dem eine Frau zur Besitzergreifung degradiert wurde.
Die Strafe setzt sich zusammen aus 23 Jahren und sechs Monaten für Mord, einem zusätzlichen Jahr für den Bruch der Schutzanordnung und neun weiteren Monaten für Körperverletzung im familiären Bereich. Die Rechnung des Gerichts ist nachvollziehbar – doch der bittere Beigeschmack bleibt: Hätte der Staat seine Schutzversprechen ernster genommen, hätte diese Frau vielleicht überlebt.
Vom Versagen der Institutionen
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein justizielles Nachbrennen stattfindet. Ein Mann, der bereits eine Schutzanordnung gegen sich hatte, fährt seine Ex-Partnerin ab. Er hat ein Messer dabei. Er bringt sie in eine Lage, in der sie ihm schutzlos ausgeliefert ist. Wo war der Rest der Kette? Wo war die Überwachung? Wo war der längst überfällige Haftbefehl? Die Antwort darauf bleibt das System schuldig – und es ist immer das gleiche Muster: Das Opfer trägt die Last des Schutzes, während der Täter sich frei bewegen kann, bis es zu spät ist.
Nun wird der Täter hinter Gittern verschwinden. Für die Familie des Opfers ändert das nichts an dem Verlust. Und für alle anderen Frauen, die aktuell in ähnlichen Verhältnissen leben, ändert sich leider auch nichts – solange nicht strukturell nachgebessert wird. Dieses Urteil ist ein Signal, aber es ist nicht das Ende der Debatte. Es ist eine Aufforderung, genauer hinzusehen, früher zu intervenieren und die Sicherheit von Frauen nicht länger als Privatsache abzutun. Wer das bezweifelt, sollte sich die 66 Messerstiche von Can Pastilla vor Augen führen – und das leise Wimmern des Babys auf dem Rücksitz.
Quellen: Europa Press, Diario de Mallorca
Quelle: europapress.es