
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Formentor-Preis kehrt nach Mallorca zurück
Ein Preis findet zu seinen Wurzeln zurück
Während andere Preise ihre Bedeutung aus der schieren Anzahl an Nominierten oder der Höhe des Preisgeldes ziehen, setzt der Premio Formentor auf etwas viel Mächtigeres: Geschichte und literarische Autorität. An diesem Sonntag kehrt das renommierte Gütesiegel der europäischen Literaturszene an seinen Ursprungsort zurück, auf die Klippen des Cabo de Formentor auf Mallorca.
Tavares: Die Stimme des poetischen Widerstands
Mit Gonçalo M. Tavares wird ein Autor ausgezeichnet, der sich nicht in den Trends der Unterhaltungsliteratur verliert. Der Portugiese, 1970 in Luanda geboren, verkörpert eine narrative Intensität, die als radikaler Gegenentwurf zur Beliebigkeit des Marktes verstanden werden will. Wie die Fundación Formentor betont, würdigt die Jury das Werk des Schriftstellers, weil es eine „paradoxe Epopöe des zeitgenössischen Verirrens“ erzähle und einer „Humanität, die sich vor sich selbst fürchtet“, eine unbequeme Stimme verleihe.
Das ist keine leichte Kost für Zwischendurch. Tavares, der mit seinem Zyklus „Das Königreich“ und Werken wie „Jerusalem“ längst zur Weltklasse zählt, erhält die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung zum ersten Mal in dessen historischer Heimat. An jenem Ort also, an dem 1961 europäische Verleger wie Carlos Barral den Grundstein für das heute legendäre Literaturtreffen legten.
Ein Rückkehrer mit Vorbildwirkung?
Die Zeremonie im Luxusresort der Fünf-Sterne-Kategorie Four Seasons ist mehr als ein nettes Rahmenprogramm. Sie ist ein Bekenntnis zu jener Avantgarde, die der Preis seit seiner Neugründung 2011 pflegt. Die Liste der Preisträger liest sich wie ein Who’s who der literarischen Moderne: Borges, Beckett, Gombrowicz – und in jüngerer Zeit herausragende Namen wie Annie Ernaux, die vor ihrem Nobelpreis 2022 den Formentor erhielt. Mit László Krasznahorkai setzte sich dieser Trend 2024 fort, bevor auch er in Stockholm einrückte.
Ist der Preis also ein gläserner Indikator für kommenden Nobelruhm? Ganz so einfach macht es sich die Jury nicht. Doch die Wahl von Tavares, einem Autor, der in über 50 Sprachen übersetzt wurde und als dritter Portugiese nach Pessoa und Eça de Queiroz die Welt erobert, spricht Bände. Er gehört in jene genealogische Linie der Literatur, die nicht die „Realität“ abbildet, sondern deren Revers – das Verdrängte, das Kultur gerne ausspart.
Wochenende der intellektuellen Auseinandersetzung
Die Rückkehr an den Geburtsort der Conversaciones Literarias ist programmatisch. Vom 1. bis 3. November wird das Hotel zur Denkfabrik. Unter dem Leitthema „Künstler, Nachahmer und Kopisten: Die Lüfte der Welt erschaffen und neu schaffen“ diskutieren Vertreter von Gallimard, Feltrinelli, Anagrama und Penguin Random House über die Zukunft des Lesens.
Der eigentliche Star bleibt jedoch Tavares selbst. Mit seiner jüngsten satirischen Dystopie „Das Ende der Vereinigten Staaten von Amerika“ liefert er den Diskussionsstoff für alle, die glauben, die Romanliteratur habe ihre gesellschaftliche Sprengkraft verloren. Der Preis kehrt an seine Wurzeln zurück – und findet dort einen Schriftsteller, der den provokativen Geist der Gründerjahre atmet. Die Veranstaltung, samt Auftritten lokaler Gitarristen, dürfte so zur eindrucksvollen Demonstration werden, dass die Literatur auf Mallorca nie bloß Urlaubslektüre war.
Quelle: Europa Press – Artikel zur Verleihung des Premio Formentor 2026
Quelle: europapress.es