Mallorcas Totenstadt offenbart 3.500 Jahre alte Rituale

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Palma de Mallorca

Mallorcas Totenstadt offenbart 3.500 Jahre alte Rituale

von Redaktion3 Min. Lesezeit

Ein Fenster in die Vergangenheit

Während die Insel längst von Touristenströmen vereinnahmt wird, gräbt sich die Wissenschaft tief in ihre wahre Geschichte. In der Nekropole von Son Sunyer am Stadtrand von Palma stoßen Archäologen auf ein Archiv aus der Bronzezeit, das bisher als unlesbar galt. Die aktuellen Ausgrabungen fördern menschliche Überreste und Keramik aus einer Zeit vor rund 3.500 Jahren zutage. Der Clou: Anders als bei vielen anderen Fundstätten wurden diese Hinterlassenschaften nicht durch spätere Nutzung komplett verwischt.

Der Irrglaube vom zerstörten Erbe

Viele Experten gingen lange davon aus, dass die meisten Hypogeen Mallorcas – also künstlich in den Fels gehauene Grabhöhlen – durch spätere Zivilisationen derart umgestaltet wurden, dass eine Erforschung der ursprünglichen Bestattungen zwecklos wäre. Genau diese Annahme widerlegt die laufende Kampagne in Son Sunyer eindrucksvoll. Ein Team des spanischen Forschungsrats (CSIC) hat im Hipogeo SSU9 unter den mittelalterlichen Schichten unberührte Ablagerungen aus prähistorischer Nutzungsphase entdeckt. Das ist kein Glücksfall, sondern der Lohn für akribische Grabungstechnik, die hier erstmals in dieser Konsequenz angewendet wird.

Die Toten der Gemeinschaft

Die Bedeutung des Fundes liegt im Detail. Die Forscher um Pau Sureda vom Incipit-CSIC und Jordi Hernández vom Katalanischen Institut für Klassische Archäologie stoßen auf Knochen, die bewusst umgebettet wurden. Die These der Archäologen: Die Toten wurden zunächst auf Steinbänken oder in Wandnischen aufgebahrt. Später räumte man die Reste in den zentralen Raum, um Platz für neue Verstorbene zu schaffen. Diese Zonen fungierten also als Ossuarien, als Beinhäuser. Besonders brisant: Die Entdeckung von Kindergräbern. Sie wirft Fragen auf, die das bisherige Bild der Sozialstruktur dieser Gemeinschaften gehörig durcheinanderwirbeln könnte.

Mehr als nur Knochen

Es wäre verfehlt, in diesen Funden nur staubige Überreste zu sehen. Die Forscher planen eine Offensive mit modernsten Methoden. Kohlenstoffdatierungen sollen die Chronologie präzisieren. Analysen der Skelette versprechen Erkenntnisse über Alter, Krankheiten, Ernährungsgewohnheiten und die genetische Verwandtschaft der damaligen Bevölkerung. Hinzu kommt eine architektonische Besonderheit: eine Nische unterhalb einer Steinbank, deren Anordnung von allen bisher bekannten Strukturen Mallorcas abweicht. Jedes dieser Details ist ein Mosaikstein, um zu verstehen, wie die Menschen vor Jahrtausenden den Tod organisierten – und was das über ihr Leben verriet.

Ein Monument mit Widersprüchen

Die Nekropole von Son Sunyer, bestehend aus neun Felsgräbern nahe der einstigen Feuchtgebiete des Pla de Sant Jordi, ist kein stilles Museum. Ihre Geschichte ist eine der Zerstörung und Zweckentfremdung. Nach der Bronzezeit nutzten Talayot-Kultur und Mittelalter die Stätte. Im 16. und 17. Jahrhundert schließlich diente das Gelände als Steinbruch für Marès-Sandstein, was Teile der Anlage unwiederbringlich dem Erdboden gleichmachte. Ausgerechnet diese wechselvolle Geschichte macht den jetzigen Befund so wertvoll – er ist die Ausnahme von der Regel der Zerstörung.

Die laufende Kampagne, die Ende Oktober abgeschlossen wird, knüpft an Untersuchungen seit 2020 an. Sie liefert den Beweis, dass Mallorca weit mehr zu bieten hat als Strandbars – und dass die Insel ihre Geheimnisse nur denen preisgibt, die tief genug graben. Die Wissenschaft steht erst am Anfang, doch die Richtung ist vorgegeben: Son Sunyer könnte zum Schlüssel für das Verständnis der bronzezeitlichen Revolution im westlichen Mittelmeer werden, wie die Forscher gegenüber Europa Press betonen.


Quelle: europapress.es

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