Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Esteponas kulinarische Krönung: Avocado und Bardo triumphieren bei der Tapas-Route
Die Jury hat gesprochen – oder besser gesagt, die zwei Jurys. In Estepona ging die fünfzehnte Auflage der Tapas-Route „Saborea Estepona“ mit einer klaren Botschaft zu Ende: Die kulinarische Kreativität in der Stadt an der Costa del Sol kennt keine Grenzen. Doch während Bürgermeister José María García Urbano das Event als „gutes Schaufenster“ für die lokale Gastronomie lobt, stellt sich die Frage: Was sagt ein solcher Wettbewerb wirklich über den Zustand unserer Esskultur aus?
Wie der Veranstalter, das Rathaus von Estepona, mitteilte, beteiligten sich 46 Gaststätten aus dem Zentrum und dem Umland. Ein beachtliches Feld. 10.000 Bewertungs-Pässe wurden verteilt, ein Rekord. Hier zeigt sich der populistische, der gefällige Ansatz: Die sogenannte Publikumsjury, also die Masse der Tapa-Touristen, entscheidet über einen großen Teil des Ruhmes. Ihr Favorit wurde das Restaurant Avocado mit einer „Sorpresa del Bosque“ – eine „Überraschung aus dem Wald“, deren konkrete Zutaten im Dunkeln blieben. Pointiert gesagt: Ein Geheimrezept für den Massengeschmack.
Der Experten-Blick: Avantgarde versus Tradition
Ganz anders die Fachjury. Sie wählte mit dem Bardo Restaurante einen Sieger, dessen Kreation schon im Namen Konzept verrät: „Cannolo de gamba esteponera en texturas“. Ein italienisches Pasticceria-Gebäck, gefüllt mit lokaler Garnele in verschiedenen Texturen – das ist keine bloße Häppchen-Befriedigung, das ist kulinarischer Dialog. Ein bewusster Kontrapunkt zur bodenständigen „Falsa identidad 2.0“ vom Zweitplatzierten Trampantojo oder dem dekonstruierten „Tartar de atún“ auf dem dritten Platz der Publikums-Wertung.
Die Spaltung der Preise in eine Volks- und eine Expertenwahl ist mehr als nur ein organisatorischer Kniff. Sie spiegelt den grundlegenden Zwiespalt der modernen Gastronomie wider: Soll sie unterhalten und sättigen oder soll sie provozieren und reflektieren? Esteponas Tapas-Route versucht beides unter einen Hut zu bringen. Die Frage ist, ob dieser Hut nicht etwas zu eng geworden ist.
Das Spektakel und sein Rahmen: Mehr als nur ein Happen
Ein Wettbewerb dieser Größenordnung lebt nicht von den Preisen allein, sondern vom Drumherum. Das Rathaus setzt auf Anreize: Wer drei Tapas probiert, nahm an einer Verlosung teil. Die Gewinne – von Hotelübernachtungen in Andalusien über SPA-Pakete bis hin zu Iberico-Schinken – sind eine clever gestrickte Tourismusförderung. Sie binden den gastronomischen Event an die regionale Wirtschaft und locken die Besucher in die Nebenstraßen. Ein strategischer Schachzug, keine Frage.
Doch reduziert dies die kulinarische Kunst nicht auf ein Mittel zum Zweck? Wenn die Tapa zum Stempel im Passport und zum Los für einen Surfkurs wird, worum geht es dann noch primär? Um den Geschmack oder um das Sammeln von Erfahrungen?
Fazit: Ein Spiegel der kulinarischen Gegenwart
Die Ergebnisse der XV. Ruta de la Tapa sind ein aussagekräftiges Stimmungsbild. Auf der einen Seite der unkomplizierte Genuss, repräsentiert durch „Avocado“, auf der anderen die ambitionierte Komposition des „Bardo“. Beide haben ihren Platz verdient. Kritisch zu hinterfragen bleibt jedoch, ob solche Events in ihrer jetzigen, stark auf Event-Charakter und Teilnehmerzahlen getrimmten Form nicht die eigentliche Innovation ersticken. Sie feiern, was ankommt – weniger, was herausfordert.
Estepona zeigt mit seiner Tapas-Route eine lebendige und vielfältige Gastro-Szene. Doch die wahre Kunst bestünde vielleicht darin, die beiden Jurys – die des Volkes und die der Experten – nicht nur parallel, sondern im Diskuss zusammenzuführen. Damit am Ende nicht zwei Sieger, sondern eine weiterentwickelte Esskultur steht. Bis dahin gilt: Chapeau vor den Gewinnern, aber mit einem kritischen Nachgeschmack.
Quelle: Rathaus Estepona / Veranstalter „Estepona vive sus calles“.