
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Wenn der Alarm die Traumata weckt
Zwischen Alltag und Ausnahmezustand
Zwei Jahre nach der verheerenden Flutkatastrophe im Oktober 2024 versuchen Kinder in den betroffenen Gebieten, zur Normalität zurückzufinden. Doch die Routine ist fragil: Sobald das Handy den schrillen Ton einer Es-alert-Warnung ausstößt, bricht bei vielen die Erinnerung an jene Nacht wieder auf. „Wenn ein Es-alert ertönt, fangen meine Töchter an zu schreien und zu weinen“, berichtet Fran, Feuerwehrmann bei der Stadt Valencia und Vater zweier Mädchen.
Seine Familie erlebte die Flutnacht in Massanassa gemeinsam zu Hause. Die Töchter, damals 9 und 14 Jahre alt, beobachteten vom Balkon aus, wie das Wasser die Straßen hinunterraste und Autos mitriss. Fran musste los, um zu helfen. „Als ich um halb sechs Uhr morgens zurückkam, weckte ich die Kinder und wir umarmten uns. Am nächsten Tag musste ich meiner Jüngsten versprechen, nie wieder allein auf die Straße zu gehen“, erinnert er sich.
Die Nacht habe bei den Kindern einen „Einschnitt“ hinterlassen, der bis heute nachwirkt, so Fran. In der Elternvertretung der Schule erzählen Mütter und Väter von Konzentrationsproblemen, Albträumen oder einer Tochter, die bis heute nicht geduscht werden kann, ohne in Panik zu geraten, wenn Wasser ihr Gesicht berührt. Die Angst sei im Alltag zwar zurückgegangen, komme aber mit jeder neuen Unwetterwarnung zurück.
Dauerschleife der Sorge
In den WhatsApp-Gruppen der Nachbarschaften herrscht bei jeder neuen Wetterwarnung schnell Unruhe. Fran schlägt deshalb vor, vermehrt Webcams an den Barrancos (Trockenflüssen) zu installieren, wie es in Catarroja bereits geschehen ist. So könnten verunsicherte Anwohner in Echtzeit verfolgen, ob die Wasserstände wirklich kritisch werden. Der Verband der Flutopfer, dem er angehört, versucht derweil, Aufklärungsarbeit zu leisten: Eltern sollen ihren Kindern erklären, dass die Alarme Schutzmechanismen sind, die Vorsicht gebieten, aber nicht zwangsläufig eine Katastrophe ankündigen.
Doch diese Botschaft zu vermitteln, fällt schwer, wenn die Eltern selbst das Vertrauen verloren haben. „Wie soll ich meinem Kind sagen, dass alles gut wird, wenn ich selbst nicht daran glaube?“, fragt Fran. Die Kanalisation sei nach wie vor nicht ausreichend saniert, kritisiert er. Und auch die Schulen geben ihm Anlass zur Sorge. Bis die Gebäude in Massanassa aufgestockt sind, lernen die Kinder in provisorischen Containern, die kaum Schutz bieten. „Die Container stehen zehn Zentimeter über dem Boden, haben vergitterte Fenster und keinen Zugang zum Dach. Welche Sicherheit soll das den Familien vermitteln?“, fragt er.
Narben, die bleiben
Frans jüngere Tochter weicht Gesprächen über die Flut aus, die ältere sagt zwar „mir geht es gut“, weint aber bei jedem Alarm. Beide sind in psychologischer Behandlung, die die Familie selbst bezahlt. Ein Zustand, den Fran kritisiert: Es brauche eine echte Durchsicht der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Problemen nach der Katastrophe – und eine staatlich finanzierte Therapie. Zudem fordert er, dass Prävention und Verhalten im Notfall bereits in der Schule gelehrt werden, so wie in Japan Erdbebenübungen zum Alltag gehören. „Keine Vier-Stunden-Seminare für Lehrer, sondern echte Ausbildung“, sagt er.
Yolanda, Mutter zweier Jugendlicher aus Catarroja, beschreibt ähnliche Erfahrungen. Jede Alarmmeldung verschlechtere das psychische Befinden ihrer Kinder. Die vergangenen zwei Jahre waren auch schulisch fordernd: Erst Online-Unterricht wie während der Pandemie, dann lange Busfahrten zu Ausweichschulen in Picassent und Mislata, bis die Container in Catarroja aufgestellt waren. „Die Räume sind sehr klein, das verstärkt das Gefühl der Enge“, so Yolanda. Beim zweiten Jahrestag möchten ihre Kinder nicht mehr über die Tragödie sprechen – nicht aus Verdrängung, sondern aus Selbstschutz, wie sie sagt.
Rebeca, eine andere Mutter, berichtet, dass ihre Kinder die Flutnacht in einer Hochhauswohnung verbrachten und die eigentliche Belastung erst danach kam: „Was wir in den Tagen darauf sahen, glich einem Kriegsschauplatz.“ Während ihre Tochter die Warnmeldungen genau liest, habe ihr Sohn eine tiefe Abneigung gegen das Handy entwickelt – er erstarrt, wenn der Alarm ertönt. Die Familie spricht offen über die Ereignisse, aber der Sohn wünscht sich, dass der Jahrestag nicht erneut alles in den Mittelpunkt rückt. „Man muss sich an die neue Realität gewöhnen, sonst findet man nie wieder Ruhe“, sagt Rebeca.
Ein Trauma im kollektiven Gedächtnis
Rodrigo Hernández, Leiter von Save the Children in der Valencianischen Gemeinschaft, sieht die Flut von 2024 als ein Ereignis, das sich tief ins kollektive Gedächtnis der Region eingegraben hat, vergleichbar mit der großen Überschwemmung von 1957 oder dem Bruch des Tous-Staudamms 1982. Zwei Jahre später sei man im Alltag angekommen, doch der Zustand der Ruhe sei brüchig. Zehn rote Wetterwarnungen seien seit der Flutkatastrophe ausgerufen worden, erinnert Hernández. Jede davon sei ein Test für die Nerven der Betroffenen. Die Kinder, so die Beobachtung von Experten, tragen die Bewältigung dieser Angst oft allein – und die Gesellschaft müsse ihnen helfen, diese Last zu tragen. Wie die Kinderschutzorganisation berichtet, brauche es langfristige psychosoziale Angebote und einen neuen Umgang mit Warnsystemen, damit sie nicht als Vorboten des Schreckens, sondern als Instrumente der Sicherheit wahrgenommen werden.
Quelle: europapress.es