
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Nach der Flut: Zivilgesellschaft erzwingt Kurswechsel
Ein Manifest gegen das Weiterbauen wie bisher
Die Bilanz ist erschütternd, die Lehren scheinen verhallt. Zwei Jahre nach der tödlichen Flutkatastrophe im Oktober 2024, bei der 233 Menschen starben, formiert sich massiver Widerstand gegen die Wiederaufbaupolitik der Behörden. 17 Organisationen aus der Region Valencia, darunter Opferverbände, lokale Notfallkomitees sowie Agrar- und Umweltgruppen, haben nun ein Manifest vorgelegt, das einem politischen Offenbarungseid gleicht: Der Wiederaufbau, so die Kritik, setze weiterhin auf Asphalt und starre Betonwälle – und wiederhole damit exakt die Fehler, die die Katastrophe erst so verheerend gemacht haben.
Asphalt statt Sicherheit: Die alte Denkweise
Das Bündnis, das sich hinter dem Papier „Von der Beton-Rekonstruktion zu sozialer, ökologischer und agrarökologischer Gerechtigkeit“ versammelt, zeichnet ein düsteres Bild der Lage. Statt einer grundlegenden Neuausrichtung erleben die Bewohner der betroffenen Gebiete eine Politik der symbolischen Reparatur. Neue Asphaltflächen, rigide Betonverbauungen an den Flussläufen und kurzfristige Nothilfepakete, die das eigentliche Problem – die Verwundbarkeit ganzer Landstriche – nicht lösen, sondern konservieren. Besonders bitter: Gerade erst haben erneute Starkregenfälle in der Region, die sogenannte DANA Adam, gezeigt, dass die Verwundbarkeit des Systems unvermindert fortbesteht. Die Botschaft der Organisationen ist unmissverständlich: Die bisherige Strategie ist nicht nur wirkungslos, sondern zementiert genau die Strukturen, die die Flutkatastrophe begünstigt haben.
Zehn Gebote für ein anderes Land
Dem setzen die Unterzeichner einen Zehn-Punkte-Plan entgegen, der radikal mit der Vergangenheit bricht. Die Forderungen sind eindeutig und darauf ausgelegt, Druck auf lokale, regionale und nationale Regierungen auszuüben. Allen voran steht eine sofortige Bausperre in allen Risikogebieten. Parallel dazu soll eine Renaturierung der Flussläufe eingeleitet werden – lebendige Böden, begrünte Dächer und Flussuferwälder sollen künftig als natürliche Schwämme fungieren und Wasser zurückhalten, anstatt es ungebremst in die Städte zu leiten.
Landwirtschaft als Teil der Lösung
Die Organisationen sehen in der industriellen Landwirtschaft einen zentralen Treiber des Problems. Sie fordern eine Kehrtwende, die weit über den Wiederaufbau hinausgeht. Statt auf Monokulturen und intensive Bewässerung solle eine Agrarwende mit fairen Preisen für die Produzenten eingeleitet werden. Die Botschaft von Helena Cifre, Koordinatorin der Spanischen Gesellschaft für ökologischen Landbau, macht die Logik dahinter deutlich: „Böden mit dauerhafter Vegetationsdecke speichern Wasser und verhindern Erosion. Hecken und Auwälder bremsen die Fluten und bieten Nützlingen Schutz.“ Dies sei kein romantischer Traum, sondern konkrete Hochwasserprävention.
Abkehr von Öl: Gerechtigkeit statt Almosen
Der Appell richtet sich auch direkt an die Verursacher der Klimakrise. Die Organisationen verlangen eine „strikte Klimagerechtigkeit“. Konkret bedeutet das: Die fossilen Konzerne, die mit ihren Geschäftsmodellen die Erderhitzung vorantreiben, sollen zur Kasse gebeten werden – für die Schäden, die sie mitverursacht haben. Francisco del Pozo von Greenpeace bringt es auf den Punkt: „Es ist zutiefst unmoralisch, dass die Bürger die Rechnung des Klimawandels mit ihren Steuern bezahlen, während die Ölkonzerne Rekordgewinne feiern.“ Die einzig wirksame Maßnahme sei ein sofortiger Ausstieg aus Öl und Gas.
Schutz für die Schwächsten: Umbau statt Rückbau
Die neuen Konzepte stellen den Schutz der Bevölkerung in den Mittelpunkt. Dazu gehört der mutige Plan, kritische Infrastruktur wie Schulen, Krankenhäuser und Pflegeheime aus den Gefahrenzonen zu verlegen. Gleichzeitig soll die Abhängigkeit vom Auto durch den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und die Förderung der „15-Minuten-Stadt“ reduziert werden. Im Wohnungssektor fordern die Organisationen eine Regulierung der Mietpreise gegen die Wohnungsspekulation und den massiven Ausbau von sozialem Wohnraum.
Wahrheit, Verantwortung und Mitsprache
Im Kern geht es den Organisationen um eine neue Form des Regierens. Sie verlangen eine dezentrale, biorregionale Governance, die den lokalen Notfallkomitees eine dauerhafte, verbindliche Stimme gibt. Das Katastrophenmanagement müsse auf Wahrheit und der Übernahme von Verantwortung basieren – und nicht auf Vertuschung. Dazu gehören regelmäßige und ernsthafte Notfallübungen für die Bevölkerung. Die Kernaussage von Mariló Gradolí von der Opfervereinigung „Associació de Víctimes“ bringt die Haltung des Bündnisses auf den Punkt: „Die einzige akzeptable Lektion aus dieser Katastrophe ist, besser zu bauen. Sicherer. Und vor allem: zu wissen, wo man gar nicht erst bauen darf.“ Das Manifest ist ein Weckruf – und ein Test für die Politik, ob sie bereit ist, ihn zu hören. Wie die Organisationen in ihrem Papier selbst betonen, dürfe der Wiederaufbau nicht in einem Wettlauf des schnellen Betonierens enden, sondern müsse als Chance für eine umfassende, gerechte und zukunftsfähige Transformation genutzt werden.
Quelle: europapress.es