
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Nach AVE-Unfall: Druck auf Puente wächst
Ein Unglück, das an alte Wunden rührt
Nur neun Monate nach dem Zugunglück von Adamuz erschüttert erneut ein schwerer Unfall das spanische Schienennetz. Diesmal ereignete sich das Unglück in der Nähe von Toledo, als ein Hochgeschwindigkeitszug (AVE) verunglückte. Für Verkehrsminister Óscar Puente ist es die zweite große Bewährungsprobe innerhalb kurzer Zeit – und sie fällt in eine politisch heikle Phase, denn in nur wenigen Wochen stehen vorgezogene Neuwahlen an. Wie das spanische Nachrichtenportal 20Minutos berichtet, rückt der Minister damit erneut ins Zentrum der öffentlichen Kritik.
Ein Minister zwischen Verantwortung und Verteidigung
Bereits nach dem Unfall in Adamuz war die Frage nach dem Zustand der Gleisanlagen laut geworden. Puente hatte damals betont, der betroffene Streckenabschnitt sei „vollständig erneuert“ worden, musste jedoch später einräumen, dass dies nicht bedeute, dass alle Schienen neu seien. Die Opposition forderte seinen Rücktritt, doch der Minister blieb im Amt. Nun, nach dem erneuten Unglück, kehren diese Forderungen mit neuer Wucht zurück. Mehrere politische Gruppierungen und Gewerkschaften verlangen seinen Rücktritt, während sowohl Puente selbst als auch die Regierungszentrale in Moncloa dies bislang ablehnen.
Chronische Probleme statt Einzelfälle
Die Kritik an Puentes Management beschränkt sich jedoch nicht auf die beiden Unglücke. Seit langem beklagen Reisende Verspätungen, technische Störungen und Geschwindigkeitsbegrenzungen auf vielen Strecken. Selbst die wichtige Verbindung Madrid–Barcelona ist davon betroffen. Gewerkschaften warnen seit Monaten vor zu geringen Investitionen in Wartung und Sicherheit. In den Wochen nach dem Unglück von Adamuz häuften sich zudem Meldungen über Schlaglöcher und Vibrationen in Zügen. Das Ministerium verweist dagegen auf gestiegene Ausgaben für die Instandhaltung in den letzten Jahren. Diese gegensätzlichen Darstellungen prallen nun erneut aufeinander.
Technischer Fehler oder menschliches Versagen?
Zu den unmittelbaren Ursachen des aktuellen Unfalls lieferte Puente eine erste, vorsichtige Einordnung: Demnach habe das Signalsystem versagt, woraufhin das Kontrollzentrum dem Zug die Weiterfahrt erlaubte. Übliche Protokolle hätten jedoch eine langsame Fahrt auf Sicht vorgeschrieben. Puente nannte die Anweisung „unerklärlich“ und „fehlerhaft“ und lenkte den Blick damit auf den zuständigen Kontrolleur des Infrastrukturbetreibers Adif. Die laufende Untersuchung muss nun klären, wie genau der Kettenfehler entstand und welche Konsequenzen daraus folgen.
Ein politisches Schwergewicht in Bedrängnis
Die Debatte um Puente ist nicht nur eine über Verkehrspolitik. Der Minister gilt als einer der engsten Vertrauten von Ministerpräsident Pedro Sánchez und als scharfzüngiger Verteidiger der Regierungslinie. Seine Rolle in der Partei und der Regierung macht ihn zu einer zentralen Figur im Wahlkampf. Der Unfall von Toledo setzt ihn nun jedoch einem erhöhten öffentlichen Druck aus. Die Opposition wird die Gelegenheit nutzen, um die strukturellen Probleme der Bahn und die Verantwortung des Ministers in den Mittelpunkt zu rücken. Wie die Regierung auf diese Kritik reagiert und welche Maßnahmen sie ankündigt, könnte mitentscheidend für den Ausgang der Wahlen sein. Kurzfristig erwartet Puente jedoch keine personellen Konsequenzen – zu sehr steht die Aufklärung des Unglücks im Vordergrund.
Quelle: 20minutos.es