Zugunglück in Toledo: Chronologie eines tödlichen Irrtums

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Toledo

Zugunglück in Toledo: Chronologie eines tödlichen Irrtums

von Redaktion3 Min. Lesezeit

Ein 17-minütiger Weg in die Katastrophe

Die Kollision zweier Hochgeschwindigkeitszüge in der Provinz Toledo hat am Mittwochmorgen mehr als 60 Menschen das Leben gekostet. Wie die Regionalregierung von Kastilien-La Mancha mitteilte, wurden zudem 183 Personen in Krankenhäuser gebracht, viele von ihnen schweben in Lebensgefahr. Es ist das schwerste Bahnunglück in Spanien seit dem Alvia-Unglück von Santiago de Compostela im Jahr 2013, bei dem 80 Menschen starben.

Die entscheidende Frage lautet nun: Wie konnte ein Renfe-AVE mit 397 Passagieren an diesem Morgen ungebremst auf einen stehenden Iryo-Zug mit 147 Reisenden und einem Baby auffahren?

Ein Systemfehler als Auslöser

Die Ereigniskette begann um 8.30 Uhr. Damals fiel das Sicherheits- und Kontrollsystem LZB auf einem 63 Kilometer langen Streckenabschnitt aus. Die Technik, die eigentlich Abstände zwischen Zügen überwacht, sorgte dafür, dass insgesamt sechs Konvois automatisch stoppten. Eigentlich ein Schutzmechanismus – doch was dann geschah, verkehrte diesen Schutz ins Gegenteil.

Gemäß dem Protokoll hätte das Kontrollzentrum von Adif – der spanischen Bahninfrastrukturgesellschaft – jeden einzelnen Zug individuell und mit besonderen Auflagen wieder auf die Strecke schicken müssen. Um 8.36 Uhr erteilte ein Operateur in Madrid jedoch die Anweisung, die Fahrt "im Normalbetrieb" fortzusetzen. Ausgerechnet der AVE aus Richtung Madrid, der sich auf derselben Strecke hinter dem Iryo-Zug befand, bekam diese Order.

Ein Warnsignal, das ignoriert wurde

Wie Verkehrsminister Óscar Puente später einräumte, hätte das Kontrollsystem bereits zu diesem Zeitpunkt Alarm geschlagen: Die Anzeige zeigte in Rot, dass die Gleise vor dem Renfe-Zug blockiert waren. Der Operateur handelte dennoch – nach Angaben des Ministers „gegen die Vorschriften". Korrekt wäre gewesen, dem Zug eine sogenannte „Fahrt auf Sicht" zu erteilen, also eine Geschwindigkeitsbegrenzung von maximal 40 km/h.

Besonders brisant: Einer der anderen betroffenen Lokführer erkannte offenbar den Fehler. Er meldete sich beim Kontrollzentrum und wies darauf hin, dass die Anweisung nicht der Norm entspreche. Die 8.53 Uhr, der Moment der Kollision, war da bereits absehbar – noch 25 Kilometer trennten die beiden Züge.

Verhängnisvolle Kommunikation

Um 8.41 Uhr – zwölf Minuten vor dem Aufprall – meldete sich die Lokführerin des Iryo-Zugs beim Kontrollzentrum. Sie berichtete von einem Systemausfall und dass ihr Zug, der sich nahe der Gemeinde Urda befand, zum Stehen gekommen sei. Die Antwort des Kontrolleurs: Sie möge die Fahrt wieder aufnehmen, „im Normalbetrieb". Der Zug ließ sich jedoch nicht starten.

Fünf Minuten vor der Katastrophe versuchte die Frau es erneut – wieder ohne Erfolg. Ihr Zug blieb stehen. Offenbar war sie die einzige Person im gesamten Kontrollzentrum, die mit dem hinter ihr rasenden AVE kommunizieren konnte. Niemand unternahm jedoch den Versuch, diesen zu stoppen.

„Inexplizierbare" Entscheidungen

Verkehrsminister Puente zeigte sich nach der Sitzung des Krisenkabinetts sichtlich betroffen. Die Entscheidungen im Kontrollzentrum seien „unerklärlich", sagte er. Man wisse nicht genau, was in den 17 Minuten zwischen der Startfreigabe und dem Crash passiert sei – er wolle keine weiteren Worte dafür finden.

Die Guardia Civil hat den betroffenen Adif-Mitarbeiter am Unglückstag bereits vernommen. Die technische Untersuchung liegt nun bei der staatlichen Eisenbahn-Unfalluntersuchungskommission (CIAF). Für die spanische Regierung steht derweil fest: Ein weiterer Vorfall dieser Art wäre nicht akzeptabel. Premierminister Pedro Sánchez kündigte an, alles dafür zu tun, das Vertrauen in das Bahnsystem wiederherzustellen. Es ist bereits der zweite schwere Unfall auf der Schnellfahrstrecke innerhalb von neun Monaten. Wie die Zeitung 20minutos berichtet, könnten die gesammelten Audioaufnahmen der Funkgespräche eine zentrale Rolle bei der Aufklärung spielen.


Quelle: 20minutos.es

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