
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Bürgermeister wirft Behörden Versagen vor
„Das Gefühl, dass uns jemand vergessen hat“
Es ist ein Satz, der wie ein Donnerschlag in dem mit Spannung erwarteten Gerichtssaal hallt: „Ich hatte das Gefühl, dass sie uns im Stich gelassen haben.“ Mit diesen Worten zeichnet Andreu Salom, Bürgermeister der Gemeinde L'Alcúdia, ein düsteres Bild der Ereignisse vom 29. Oktober 2024. An diesem Tag verwandelte sich die Region Valencia binnen Stunden in ein Katastrophengebiet, mehr als 230 Menschen starben in den Fluten – und die lokalen Verantwortlichen standen, so Salom, völlig allein da.
Seine Aussage vor der Ermittlungsrichterin ist eine gnadenlose Abrechnung mit den staatlichen und regionalen Behörden. Schon um 18 Uhr, so Salom, sei sein Ort „komplett überflutet“ gewesen. Man habe stundenlang versucht, den Notruf 112 zu erreichen – vergeblich. Keine Anrufe von der Zentralregierung, kein Kontakt vom Júcar-Wasserverband, keine Warnung aufs Handy. Die berüchtigte ES-Alert-Warnmeldung, die eigentlich alle Bürger in der Gefahrenzone hätte alarmieren sollen, kam für seine Gemeinde zu spät. „Offensichtlich zu spät“, sagt er trocken.
Ein Kampf gegen die Zeit und die Informationslosigkeit
Die Schilderungen des Bürgermeisters zeigen eine Behördenwelt, die am entscheidenden Tag offenbar versagte. Bereits am Vortag hatte die Gemeinde vorsorglich Schulen und öffentliche Einrichtungen geschlossen – eine Entscheidung, die sich als richtig erweisen sollte. In der Nacht zum 29. Oktober regnete es sintflutartig, der örtliche Sportkomplex lief voll. Am Morgen mussten Feuerwehrleute Menschen mit Hubschraubern retten, die am anderen Ufer der Schlucht festsaßen. Doch anstatt sich auf die Lage einzustellen, versuchten die Verantwortlichen noch Stunden später, überhaupt zu verstehen, was geschah.
Gegen 14:30 Uhr erreichte Salom immerhin die damalige Innenministerin Salomé Pradas – doch das Gespräch drehte sich um einen vermissten Lkw-Fahrer, nicht um die drohende Katastrophe. Stunden später, gegen 17:40 Uhr, beobachtete er, wie der Fluss Magro über die Ufer trat. Kurz darauf war das Rathaus nicht mehr erreichbar. „Die Flut kam plötzlich und unerwartet“, betont er, „dabei hatte es seit Stunden nicht mehr geregnet.“ Noch nie in seinem Leben habe er den Fluss so über die Ufer treten sehen, gesteht Salom – ein Satz, der verdeutlicht, wie außergewöhnlich diese Katastrophe war.
„Intuition statt Information“
Nicht nur Salom beklagt das Informationsvakuum. Auch der Bürgermeister der Nachbargemeinde Polinyà del Xúquer, Óscar Navarro, machte seiner Wut vor Gericht Luft. Man habe an diesem Tag Entscheidungen „aus dem Bauch heraus“ treffen müssen, sagt er. Statt offizieller Anweisungen gab es nur eine Whatsapp-Gruppe der Bürgermeister und eine zufällige Information durch eine vorbeikommende Guardia-Civil-Streife. Gegen 11 Uhr begannen die Gemeinden, den Fluss zu überwachen. Was dann folgte, war ein Wettlauf gegen die Zeit: Man evakuierte die Bevölkerung, doppelte die Polizeischichten, rief Sozialarbeiter zusammen. Um 23 Uhr begann die Flut, um 1 Uhr nachts stand der Ortskern unter Wasser.
Während Salom keinerlei Warnung erhielt, erreichte Navarro immerhin die ES-Alert um 20:11 Uhr – Stunden, nachdem die Lage in L'Alcúdia bereits eskaliert war. Es sind diese Unterschiede, die die Kritik an der damaligen Krisenkommunikation weiter anheizen. Die Richterin verhandelt nun gegen die Ex-Ministerin Pradas und ihren Stellvertreter Emilio Argüeso. Die Anschuldigungen wiegen schwer: Wussten die Verantwortlichen mehr, als sie zugaben? Warum dauerte die Warnung so lange? Die Aussagen der Bürgermeister legen nahe, dass es nicht nur ein technisches Versagen war, sondern ein strukturelles Problem – und dass die Menschen in den überfluteten Gebieten der Region an diesem Tag völlig auf sich allein gestellt waren.
Wie die Nachrichtenagentur Europa Press berichtet, wird das Verfahren gegen Pradas und Argüeso derzeit von der Justiz geprüft. Die zentrale Frage, die der Prozess beantworten muss, lautet: Hätten die 233 Todesopfer verhindert werden können, wenn die Warnkette funktioniert hätte? Die Schilderungen aus L'Alcúdia lassen daran zumindest erhebliche Zweifel aufkommen.
Quelle: europapress.es