Nach der Flut: Geld hilft, aber wo bleibt der Plan?

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

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Nach der Flut: Geld hilft, aber wo bleibt der Plan?

von Redaktion

Ein Löffel für den Ozean

Wer angesichts klimabedingter Jahrhundert-Ereignisse, die mittlerweile alle paar Jahre zuschlagen, mit einem Füllhorn rechnet, wird enttäuscht. Wer aber erwartet, dass solche Ereignisse endlich ein grundlegendes Umdenken in der Katastrophenvorsorge und Wirtschaftspolitik auslösen, wird bitter enttäuscht. Die jüngste Ankündigung der katalanischen Regierung ist ein Lehrstück dafür. Nach den verheerenden Überschwemmungen durch das Tief “Alice” im Oktober letzten Jahres hat das Unternehmenministerium nun Hilfen für betroffene Betriebe aktiviert. Klingt erstmal gut. Bis man die Zahlen sieht: 500.000 Euro Gesamtvolumen, maximal 20.000 Euro pro kleinem Unternehmen oder Selbstständigem. Bei einer vorgesehenen Gesamtinvestition von 19 Millionen für alle Maßnahmen, wie das Govern in einer Mitteilung erklärt, ist dieser Posten nicht mehr als ein symbolischer Akt.

Das ist keine Unterstützung, das ist Alibi-Politik. Während ein einzelner Mittelständler mit einem zerstörten Lager oder kapitaler Technik schnell Schäden in sechsstelliger Höhe stemmen muss, soll ihm ein Zuschuss von lächerlichen 20.000 Euro die “Rückkehr zur Normalität” ermöglichen? Diese Rechnung geht nicht auf. Sie offenbart vielmehr die chronische Unterfinanzierung von Prävention und Wiederaufbau. Der Besuch von Minister Miquel Sàmper im stark getroffenen Santa Bàrbara in der Provinz Tarragana wirkt vor diesem Hintergrund wie eine hohle Inszenierung.

Bürokratie statt Booster

Die Modalitäten der Hilfen, wie sie laut der offiziellen Verlautbarung gelten, sind dabei der zweite Skandal. Anträge können nur für bereits getätigte Ausgaben – für Reparaturen, Ersatz von Maschinen oder Sonderreinigung – im Zeitraum vom Schadensereignis im Oktober 2025 bis Ende Juni dieses Jahres gestellt werden. Das Verfahren folgt dem Prinzip “Windhund”: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Was bedeutet das? Wer kein liquides Eigenkapital hatte, um die Reparaturen sofort in Angriff zu nehmen, geht leer aus. Der Kleinunternehmer, der auf eine Zusage wartete, bevor er den Kredit aufnahm, hat das Nachsehen. Dieses System belohnt nicht die Bedürftigkeit, sondern die Zahlungsfähigkeit. Es ist eine Bankrotterklärung einer Politik, die sich als Anwalt des Mittelstands inszeniert.

Hier wird nicht die wirtschaftliche Resilienz einer Region gestärkt, sondern lediglich buchhalterischer Schadensbegrenzung betrieben. Die eigentliche Frage wird elegant umschifft: Wie schaffen wir es, dass Unternehmen in hochwassergefährdeten Gebieten überhaupt eine Überlebenschance haben? Wo sind die staatlich geförderten Versicherungslösungen? Wo die verbindlichen, großangelegten Hochwasserschutzmaßnahmen, die solche Milliardenschäden künftig verhindern?

Die falsche Debatte

Die Gegenposition ist vorhersehbar: Jeder Euro sei willkommen, der Staat könne nicht alle Risiken abschirmen, Eigenverantwortung sei gefragt. Diese Argumentation ist nicht nur herzlos, sie ist wirtschaftlich kurzsichtig. Die wahre Eigenverantwortung liegt nicht beim einzelnen Café-Besitzer in Santa Bàrbara, dessen Existenz von einem Wetterphänomen weggespült wird. Sie liegt bei einer Politik, die es seit Jahrzehnten versäumt, Klimafolgen ernsthaft in die Raum- und Wirtschaftsplanung zu integrieren.

Die 500.000 Euro sind ein Pflaster auf eine amputierte Gliedmaße. Sie kaschieren die systemische Blutung. Anstatt immer nur die Löschtrupps nach der Katastrophe zu finanzieren, muss endlich in die Feuerwehr investiert werden, die das Inferno verhindert. Solange das nicht geschieht, bleiben solche Pressemeldungen über “Hilfspakete” nichts weiter als politisches Beruhigungspulver – und eine Bankrotterklärung.

Quellen: Mitteilung der katalanischen Regierung (Generalitat de Catalunya) zu den Hilfsmaßnahmen nach dem Tief “Alice”.

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