Die stille Diskriminierung der Asexuellen

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Spanien

Die stille Diskriminierung der Asexuellen

von Sabine Keller

Die unsichtbare Orientierung

Asexualität ist die wohl am meisten missverstandene sexuelle Orientierung. Während Homosexualität und Bisexualität zumindest als Konzepte bekannt sind, wird die Abwesenheit von sexueller Anziehung oft pathologisiert oder schlichtweg geleugnet. Das muss sich ändern.

Dabei ist die Sache eigentlich einfach: Asexuelle Menschen empfinden keine oder nur sehr selten sexuelle Anziehung zu anderen Personen. Das heißt nicht, dass sie keinen Sexualtrieb hätten. Sie können durchaus Lust empfinden oder sich selbst befriedigen. Nur richtet sich dieses Begehren nicht auf andere Menschen. Wie die spanische Tageszeitung 20minutos berichtet, ist genau diese Differenzierung vielen Menschen fremd. Sie werfen Begriffe wie Libido, Erregung und Anziehung in einen Topf und begegnen Asexuellen mit Misstrauen oder abwertenden Fragen.

Die Geschichte von Leticia Rey

Die 40-jährige Lehrerin Leticia Rey kennt das aus eigener Erfahrung. Schon als Teenager konnte sie nicht nachvollziehen, worüber ihre Freundinnen schwärmten. Sie fühlte sich verloren, erfand sogar heimlich einen Freund, um nicht aufzufallen – ein klassisches Coming-out unter umgekehrten Vorzeichen. Dass ihre Empfindungen eine eigene Orientierung sein könnten, wurde ihr erst klar, als sie selbstständig den Begriff „asexual“ konstruierte: „Wenn es hetero gibt und homo gibt und bi, dann muss es auch etwas geben, das heißt: ich mag niemanden“, sagt sie heute.

Dass eine junge Frau sich das Konzept ihrer eigenen Sexualität selbst erfinden muss, zeigt das ganze Versagen unserer Aufklärungsstrukturen. Asexualität ist kein medizinisches Problem. Sie ist keine Störung. Sie ist eine vollwertige Orientierung, die in keinem Schulbuch, keinem Sexualkundeunterricht vorkommt.

Ausgrenzung von innen

Noch bitterer: Selbst innerhalb der LGBTQ+-Community stoßen Asexuelle oft auf Ablehnung. Ihre Orientierung wird als „zu wenig radikal“ oder als „nicht queer genug“ abgetan. Verbände wie ACEs, die spanische Interessenvertretung für Asexuelle, kämpfen seit Jahren darum, dass das „A“ im Akronym LGTBIAQ+ nicht nur auf dem Papier steht, sondern ernst genommen wird. Sie fordern Sichtbarkeit in Pride-Paraden, in Bildungsmaterialien und in der politischen Arbeit. Bislang mit mäßigem Erfolg.

Das hat konkrete Folgen. Der 40-jährige Aktivist Joss C. Pérez, der sich auf Teneriffa engagiert, berichtet, dass seine Beziehungen immer wieder an der klassischen sexuellen Erwartungshaltung gescheitert sind. Wenn Sex als verbindendes Zentrum einer Partnerschaft gilt, bleiben Asexuelle außen vor – oder werden zu Kompromissen gedrängt, die sie nicht eingehen wollen. „Am Ende scheitert es immer am gleichen Punkt“, sagt Pérez.

Ein politisches Fragezeichen

Die Debatte um Asexualität rührt an den Grundfesten unserer romantischen Ideale. Das traditionelle Paarmodell, das sexuelle Exklusivität und regelmäßige körperliche Intimität voraussetzt, erweist sich zunehmend als nicht alternativlos – doch für Asexuelle fehlt oft der gesellschaftliche Rahmen, um selbstbestimmte Lebens- und Liebesformen zu entwickeln.

Es reicht nicht, diese Menschen als „lieb, aber komisch“ zu tolerieren. Es braucht Anerkennung. Es braucht Sprache. Es braucht das Eingeständnis, dass sexuelle Anziehung nicht der universelle Klebstoff jeder Beziehung ist. Die stille Diskriminierung der Asexuellen muss enden – in der Mitte der Gesellschaft ebenso wie in den eigenen queeren Reihen.

Quelle: Bericht von 20minutos über Asexualität als unsichtbare Orientierung


Quelle: 20minutos.es