
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Klimawandel als Treiber von Zoonosen
Eine neue Dimension der globalen Erwärmung zeigt sich nicht nur in Wetterextremen, sondern auch in der steigenden Gefahr von Infektionskrankheiten. Der Fall eines Kreuzfahrtschiffs vor Teneriffa und ein Ausbruch in Südamerika veranschaulichen die enge Verbindung zwischen Umweltveränderungen und der Übertragung von Viren von Tieren auf den Menschen.
Der Auslöser: Ein Ausflug in die Natur
Im Hafen von Granadilla auf Teneriffa lag im Frühjahr 2024 das Kreuzfahrtschiff MV Hondius vor Anker. An Bord befanden sich Personen, die unter Verdacht standen, sich mit dem Hantavirus infiziert zu haben. Die Spur der Infektion führte zurück zu einer touristischen Exkursion in der argentinischen Provinz Patagonien. Dort kam ein niederländisches Paar, das später verstarb, mit einem Nagetier in Kontakt – einem sogenannten Colilargo-Maus. Dieses Tier gilt als natürliches Reservoir für das Anden-Hantavirus. Die entscheidende Frage ist, warum dieses für den Menschen gefährliche Virus den Wirt verließ.
Experten sehen den Grund in einer gestörten Balance. "Der Klimawandel bringt Desertifikation mit sich. Die unfruchtbare oder wüstenhafte Grenze breitet sich aus, was direkt mit der Nahrungsmittelproduktion zusammenhängt", erklärt Gabriel Capitelli, Veterinär und Professor an den Universitäten von Buenos Aires und Alcalá de Henares, der sich auf tierische Reservoire von Zoonosen spezialisiert hat. Durch die fortschreitende Austrocknung ihrer natürlichen Habitate finden Tiere wie die Colilargo-Maus nicht mehr genug Nahrung. Sie weichen in besiedelte Gebiete aus, wo der Kontakt mit Menschen wahrscheinlicher wird.
Die treibenden Faktoren: Klima, Verlust und Invasion
Die Situation ist zweischneidig. Während Wildtiere durch Habitatverlust in menschliche Siedlungen gedrängt werden, dringen Menschen gleichzeitig immer tiefer in vormals intakte Ökosysteme ein. "Zoonotische Erkrankungen hängen stark damit zusammen, dass im natürlichen Raum immer weniger Platz für die Natur bleibt", sagt Jesús Martín vom Bereich Naturschutz von Ecologistas en Acción. "75 Prozent der Ökosysteme weltweit wurden durch menschliches Handeln, das sehr mit der Wirtschaft verbunden ist, verändert oder zerstört." Er verweist auf historische Beispiele wie den Ausbruch des Nipah-Virus 1999 in Malaysia, der auf die Errichtung intensiver Schweinefarmen in Waldgebieten zurückging.
Die Real Academia Nacional de Medicina de España stellt in einer Analyse zum MV-Hondius-Ausbruch fest, dass mehr als 60 Prozent der Epidemien durch neue Mikroorganismen Zoonosen sind. Der Eingriff des Menschen in die Biodiversität, die Übernutzung von Ressourcen und die "Kolonisierung" primärer Ökosysteme erhöhten das Risiko der Entstehung und Verbreitung solcher Krankheiten massiv. Arten, die nicht aussterben, sondern überleben, wie besagte Kleinnager, können sich sogar ausbreiten und so die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass bisher im Gleichgewicht zirkulierende Erreger für den Menschen gefährlich werden.
Das Konzept der "einen Gesundheit" (One Health)
Die Erkenntnis dieser Zusammenhänge hat auf internationaler Ebene zu einem Paradigmenwechsel geführt, der unter dem Begriff "One Health" (Eine Gesundheit) zusammengefasst wird. Dieses Konzept betrachtet die Gesundheit von Menschen, Tieren und der Umwelt als untrennbar miteinander verbunden. Die aktuelle Krise unterstreicht die Dringlichkeit dieses Ansatzes. Neben der direkten Übertragung von Tier zu Mensch warnt Capitelli auch vor dem umgekehrten Weg, wie beispielsweise dokumentierte Fälle von Tuberkulose-Übertragung vom Menschen auf Tiere zeigen.
Die Untersuchung des konkreten Ausbruchs zeigt somit ein systemisches Problem auf. Es sind nicht Einzelfälle, sondern Symptome einer sich verändernden Interaktion zwischen menschlicher Zivilisation und dem Rest des Planeten. Extremwetterereignisse wie Dürren, Hitzewellen und Starkregen, die durch den Klimawandel häufiger werden, verschärfen diese Dynamik weiter und schaffen zusätzliche Bedingungen für den Sprung von Pathogenen. Die Eindämmung künftiger Pandemien erfordert daher nicht nur medizinische Überwachung, sondern vor allem einen fundamentalen Schutz der Ökosysteme und eine nachhaltige Landnutzung.
Quelle: 20minutos.es