Baskenland warnt vor radikalen Netzwerken

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Bilbao

Baskenland warnt vor radikalen Netzwerken

von Redaktion3 Min. Lesezeit

Eine neue Generation ohne Erinnerung an den Terror

Die Bilder brannten sich ein: brennende Autos, zerstörte Ladenfronten, ein Mob, der durch die Straßen Bilbaos zieht. Was sich am Montagabend in der baskischen Metropole abspielte, war kein spontaner Ausbruch von Wut, sondern organisierte Zerstörung. Nun äußert der Sicherheitschef der Regionalregierung einen alarmierenden Verdacht: Hinter den jungen Randalierern könnten alte Netzwerke stecken, die längst überwunden geglaubte Muster reaktivieren.

Bingen Zupiria, seines Zeichens Sicherheitsminister des Baskenlandes, zeigte sich in einer Radiointervention tief besorgt über die Ereignisse. Dass ein provocateur wie Vito Quiles, bekanntermaßen ein Meister der Eskalation, als Auslöser fungierte, sei nur die halbe Wahrheit. Die eigentliche Gefahr liege tiefer: „Es gab Leute, die bereit und willens waren, Gewalt einzusetzen – ob dieser Provokateur nun da war oder nicht. Und am Ende haben sie sie auch eingesetzt", so Zupiria gegenüber Radio Euskadi.

Der Geist der Vergangenheit

Das Bemerkenswerte an den Festgenommenen ist ihre Jugend. Viele sind minderjährig, einige gar erst 14 Jahre alt. Eine Generation, die mit der baskischen Gewaltgeschichte kaum etwas anfangen kann – und dennoch in alte Verhaltensmuster verfällt. Zupiria spricht einen wunden Punkt an: Diese Jugendlichen hätten weder den Terror der ETA noch die berüchtigte Kale Borroka erlebt, jene Straßengewalt, die das Baskenland jahrzehntelang prägte. Dennoch, so der Minister, sei zu befürchten, dass sie den „Parolen organisierter baskischer Gruppen" gefolgt seien.

Diese Einschätzung ist mehr als eine bloße Vermutung. Sie deutet auf ein gut funktionierendes Netzwerk hin, das in der Lage ist, junge Menschen zu mobilisieren. Wer heute in Bilbao Steine wirft und Geschäfte plündert, folgt offenbar nicht nur einem diffusen Antifaschismus, sondern einer strategischen Choreographie. Dass ausgerechnet die Plattform „Blocus", die bereits für Ausschreitungen in Katalonien verantwortlich gemacht wird, neue Mobilisierungen plant, verleiht den Warnungen des Ministers zusätzliches Gewicht.

Ein Werteproblem der Gesellschaft

Zupiria richtet seinen Blick jedoch nicht nur auf die Randalierer, sondern auch auf die gesellschaftliche Gemengelage. „Es scheint, als ob in manchen Kreisen die Anwendung von Gewalt wieder als gerechtfertigt angesehen wird", klagte er mit Blick auf die jüngsten Vorfälle. In einer Gesellschaft, in der einst Teile der Bevölkerung die Gewalt der ETA tolerierten, sei jetzt absolute Klarheit gefordert: „Es darf keine halben Sachen geben. Wir müssen intensiv vermitteln, dass Gewalt in keinem Fall akzeptabel ist."

Besonders kritisch bewertet der Minister die Rolle sozialer Medien und virtueller Räume. Dort würden extremistische Positionen normalisiert, dort rekrutierten radikale Gruppen ihren Nachwuchs. „Wir müssen mit der virtuellen Welt sehr vorsichtig sein", mahnte Zupiria. Eine Warnung, die angesichts der rasanten Verbreitung von Gewaltaufrufen in Messenger-Diensten und sozialen Netzwerken nicht unbegründet erscheint. Nach Informationen von Europa Press richtet sich der Verdacht der Ermittler auf eine Mischung aus lokalen Radikalen und überregional agierenden Aktionsgruppen.

Die offenen Fragen zur Polizeitaktik

Doch die Kritik kommt nicht nur von links. Der baskische Polizeigewerkschaft ErNE übt scharfe Vorwürfe gegen die eigene Führung. Es sei „kaum zu rechtfertigen", dass ein geplantes und vorbereitetes Polizeiaufgebot mit bemerkenswerter Hast zurückgezogen wurde, obwohl die Gefahr bekannt war. Der angekündigte Besuch Quiles‘ war kein Geheimnis, die Lage war angespannt – und dennoch konnten die Randalierer scheinbar ungehindert wüten.

Zupiria räumte ein, dass der Einsatz der Ertzaintza darauf ausgelegt war, Ausschreitungen zu verhindern – ein Ziel, das offensichtlich verfehlt wurde. Die Bilanz: ausgebrannte Fahrzeuge, zerstörte Container, demoliertes Stadtmobiliar und geplünderte Geschäfte. Die Frage, warum die Polizei sich so früh zurückzog, bleibt vorerst unbeantwortet. Fest steht: Eine aufgeheizte Stimmung, gezielte Provokationen und eine offenbar geschwächte Polizeipräsenz ergaben eine explosive Mischung, die tiefe Risse in der baskischen Gesellschaft offenlegt. Die Debatte über die neue Gewalt hat gerade erst begonnen. (Mit Material von Europa Press)


Quelle: europapress.es

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