
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Ouigo sagt alle Züge ab: Sicherheitsrisiko oder Kalkül?
Der spanische Schienenverkehr steuert auf ein Wochenende des Ausnahmezustands zu. Während das Land sich auf das lange Allerheiligen-Wochenende vorbereitet, eskaliert der Arbeitskampf bei den Bahnbetreibern. Die französische SNCF-Tochter Ouigo hat drastische Konsequenzen gezogen: Am Freitag, den 30. Oktober, und am darauffolgenden Montag, den 2. November, bleibt der gesamte Hochgeschwindigkeitsverkehr des Unternehmens am Bahnsteig stehen.
Der Schritt ist die direkte Antwort auf eine juristische Niederlage. Die Audiencia Nacional, Spaniens oberstes Verwaltungsgericht, hat die von der Regierung erlassenen Mindestdienstleistungen für den Streiktag gekippt. Das Gericht gab damit einer Klage der Lokführergewerkschaft Semaf statt. Diese hatte argumentiert, dass die vom Verkehrsministerium angeordneten 71 Prozent Mindestangebot unverhältnismäßig seien – schließlich könnten andere Anbieter wie Renfe oder Iryo die Strecken übernehmen.
Ein Präzedenzfall mit Sprengkraft
Ouigo zeigt sich angesichts der rechtlichen Unsicherheit unbeeindruckt von den Argumenten der Gewerkschaft. „Wir können nicht garantieren, welche Züge fahren werden“, teilt das Unternehmen mit. „Um Chaos an den Bahnhöfen zu vermeiden, sehen wir uns gezwungen, alle Verbindungen zu streichen.“ Eine Ansage, die man als verantwortungsvoll oder als Kapitulation vor den Gewerkschaftsforderungen werten kann. Tatsächlich offenbart der Schritt ein grundlegendes Problem: Ein privater Anbieter, der mit dem Versprechen von günstigen Preisen in den spanischen Markt eingestiegen ist, ist nun vollständig von der Kooperation seiner Lokführer abhängig.
Die Gewerkschaft Semaf wiederum nutzt die Gunst der Stunde. Nach dem schweren Unfall von Urda, bei dem erst vor wenigen Tagen ein Zug verunglückte, schürt sie gezielt Ängste. Die Lokführer werfen Ouigo vor, das vereinbarte Sicherheitsniveau systematisch zu untergraben. „Die Arbeitszeiten sind exzessiv, die Bereitschaftsdienste werden missbraucht und die Erschöpfung der Mitarbeiter ist ein Sicherheitsrisiko“, so der Tenor der Gewerkschaft. Man müsse den Arbeitgeber zwingen, die Sicherheitsversprechen einzuhalten.
Ein Spiel mit dem Feuer
Während Ouigo nun die Notbremse zieht, droht eine Eskalation. Die Gewerkschaft hat bereits weitere Streiktage angekündigt: am 6. und 9. November sowie am 4. und 8. Dezember, pünktlich zu den Feiertagsbrücken in Madrid. Auch bei Renfe, dem staatsnahen Konkurrenten, wird der Ton rauer. Für den 10. und 12. November sind dort Ausstände geplant. Die Gewerkschaft fordert unter anderem mehr Personal und klarere Sicherheitsprotokolle.
Die Bilanz des gestrigen Ausstandes war aus Sicht der Gewerkschaft ein voller Erfolg. Während Renfe offiziell nur von einer moderaten Beeinträchtigung sprach, verkündete Semaf stolz eine Beteiligung von „100 Prozent“ der Lokführer. Vor allem bei den Vorortzügen in Madrid kollabierte der Verkehr – vier Linien der Cercanías mussten stillstehen. Ein Vorgeschmack auf das, was Spanien in den kommenden Wochen droht.
Die eigentliche Pointe liegt jedoch woanders: Ouigo schießt sich mit dieser Massenabsage womöglich selbst ins Knie. Wer als Billiganbieter mit dem Versprechen von Komfort und Pünktlichkeit antritt, kann es sich kaum leisten, Zehntausende Passagiere vor verschlossene Bahnsteigtüren zu stellen. Rechtlich mag die Entscheidung nachvollziehbar sein – kommunikativ ist sie eine Katastrophe. Diejenigen, die nun auf der Straße oder im überfüllten Bus festsitzen, werden sich das merken.
Es bleibt ein schaler Beigeschmack: Während Ouigo von einem Gerichtsurteil spricht, das die Lage unberechenbar mache, scheint das eigentliche Problem hausgemacht. Ein Unternehmen, das seine Sicherheitskultur vernachlässigt und auf die Demütigung seiner Mitarbeiter setzt, muss sich nicht wundern, wenn die Belegschaft zurückschlägt. Der Preis dafür wird nun von den Reisenden bezahlt – und zwar nicht nur am kommenden Wochenende. Wie die Nachrichtenagentur Europa Press unter Berufung auf Gewerkschaftskreise berichtet, sind weitere Aktionen bis weit in den Dezember hinein geplant. Der spanische Bahnverkehr ist endgültig zum Spielball eines Arbeitskampfes geworden, bei dem die Sicherheit als Faustpfand missbraucht wird – von beiden Seiten.
Quelle: 20minutos.es