
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Kriegsflüchtlinge als neue Gäste: Málaga umwirbt ukrainische Reisebüros
Ein Besuch mit Signalwirkung
Es ist ein ungewöhnliches Bild in Zeiten geopolitischer Krisen: Zwanzig ukrainische Reiseverkäuferinnen schlendern durch die Gassen von Ronda, nippen in Marbella an einem Glas Wein und inspizieren die Hotelbetten an der Costa del Sol. Die Aktion von Turismo Costa del Sol ist mehr als eine nette Geste – sie ist ein strategisches Signal in einem umkämpften Reisemarkt.
Während andere Urlaubsregionen Südeuropas längst auf den boomenden US-Markt oder die zahlungskräftigen Golfstaaten schielen, setzt die Provinz Málaga auf ein Land, das seit Februar 2022 im Ausnahmezustand lebt. Auf den ersten Blick mag das kontraintuitiv wirken. Bei genauerer Betrachtung jedoch erschließt sich die Logik: Die Ukraine ist kein gescheiterter Markt, sondern ein schlafender Riese mit enormem Potenzial für die Zeit nach dem Krieg.
Die Rechnung hinter dem Hofieren
Esperanza González, Chefin von Turismo Costa del Sol, formuliert das Kalkül klar: "Wenn eine Agentur den Ort zum ersten Mal besucht, können wir viel mehr zeigen als jeder Katalog." Marktdaten untermauern diese Strategie. Branchenbeobachter wie die Nachrichtenagentur Europa Press berichten seit Jahren von einem wachsenden Interesse der osteuropäischen Mittelschicht an der andalusischen Küste.
Vor dem russischen Angriffskrieg reisten jährlich rund 80.000 Ukrainer nach Spanien – ein Trend, der jäh unterbrochen wurde. Doch genau jetzt investiert die Küstenregion in Beziehungen, die sich auszahlen sollen, sobald der Frieden zurückkehrt. Es ist eine klassische Antizyklik-Strategie: Wer während der Krise präsent ist, erntet später die Früchte.
Mehr als nur Strandurlaub
Die Inspektionsreise der zwanzig Fachfrauen folgt einem ausgeklügelten Drehbuch. Hotelbesuche an der Küste wechseln sich ab mit Kulturerlebnissen in Mijas Weißen Dörfern, dem historischen Ronda und der Provinzhauptstadt Málaga. Die Botschaft dahinter ist eindeutig: Die Costa del Sol will nicht länger nur als Sonnenstrand für Pauschaltouristen wahrgenommen werden, sondern als vielschichtiges Reiseziel mit Tiefgang.
Dieser Ansatz ist klug. Denn die ukrainische Nachfrage, das zeigt die Erfahrung anderer Zielländer, konzentriert sich nicht auf den reinen Badeurlaub. Ukrainische Reisende legen Wert auf Sicherheit, gastronomische Vielfalt und authentische Erlebnisse – Kriterien, die die Provinz mit ihrem Mix aus Küste und Hinterland perfekt bedienen kann.
Der langen Rede kurzer Sinn
Kritiker mögen einwenden, dass die Ukraine über Jahre hinweg kein relevanter Quellmarkt für Spanien sein wird. Doch diese Sichtweise verkennt die Realität: Schon jetzt leben Hunderttausende ukrainische Geflüchtete in Spanien (Schätzungen des Innenministeriums sprechen von über 160.000 allein in diesem Land). Viele von ihnen werden bleiben und ihre Angehörigen zu Besuch holen. Wer also heute die ukrainischen Reisebüros umwirbt, sichert sich nicht nur den künftigen Urlauber, sondern auch den wachsenden Markt der Diaspora-Besuche.
Die Rechnung der Touristiker ist simpel: Heute investieren, um morgen abkassieren zu können. Solange die Ukrainer selbst daran glauben, dass ihre Zukunft Reisen in den Westen einschließt, ist der Kurs der Sonnenküste goldrichtig. Die Gäste von heute sind die Botschafter von morgen – und manchmal braucht es eben zwanzig mutige Frauen aus einem Kriegsgebiet, um das zu beweisen.
Quelle: europapress.es