Chaos beim Start der Migrationsregularisierung

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Madrid

Chaos beim Start der Migrationsregularisierung

von Redaktion

Erste Tage der Regularisierung offenbaren strukturelle Defizite

Knapp zwei Wochen nach dem offiziellen Start der außerordentlichen Regularisierung für Migranten in Spanien zeichnet sich ein Bild massiver administrativer Überlastung ab. Wie das Syndikat CSIF in einer Stellungnahme vom vergangenen Mittwoch berichtete, sind Behörden wie die Ausländerbehörde, die Sozialversicherung und zahlreiche Rathäuser mit einem Ansturm konfrontiert, für den sie personell und technisch nicht gerüstet seien. Die Gewerkschaft spricht von einer “fehlenden Muskulatur der Verwaltung” angesichts einer Maßnahme, von der schätzungsweise über eine halbe Million Menschen profitieren könnten.

Bis zum vergangenen Freitag wurden nach offiziellen Angaben bereits mehr als 130.000 Anträge eingereicht, weitere 55.000 Termine bis Ende April sind vergeben. Dieses Volumen überfordert laut CSIF die Kapazitäten: Termine würden unzureichend geplant, ganze Familienverbände erschienen trotz Einzelterminen, was zu erheblichen Verzögerungen führe. In der Folge müssten einige Ämter ihre Schließzeiten um bis zu zwei Stunden verschieben.

Technische Pannen und widersprüchliche Aussagen

Ein zentraler Kritikpunkt sind wiederholte Systemausfälle der behördlichen Plattform “Mercurio”, die für alle Ausländerangelegenheiten genutzt wird. Laut dem Syndikat kommt es zu “kompletten Systemabschaltungen”, die sogar zur temporären Schließung von Postämtern geführt hätten. Zudem sei das Hochladen von Dokumenten, die größer als 15 Megabyte sind, blockiert. Diese technischen Hürden verzögern den Prozess erheblich.

Das Innenministerium widerspricht dieser Darstellung. Auf Nachfrage von 20minutos teilte eine Sprecherin mit, das Verfahren entwickle sich “normal” und erfülle alle Erwartungen. Die Terminvergabe sei “ohne registrierte Zwischenfälle” verlaufen. Diese Aussage steht im Kontrast zu den Erfahrungsberichten aus den Behörden vor Ort und zu Vorwürfen aus von der PP regierten Rathäusern, die der Zentralregierung mangelnde Planung und Ressourcenausstattung vorwerfen. Das Ministerium seinerseits beschuldigt lokale Verwaltungen, darunter explizit die von Madrid, den Prozess zu boykottieren und ihre Dienststellen nicht ausreichend zu verstärken.

Der Kampf um den “Vulnerabilitätsnachweis”

Besonders komplex gestaltet sich die Situation für die mehr als 300 sozialen Organisationen, die von der Regierung als offizielle “Kooperationspartner” anerkannt sind. Ihre Rolle ist entscheidend für jene Antragsteller, die keinen Anspruch auf internationalen Schutz oder ein Aufenthaltsrecht aufgrund familiärer oder beruflicher Verwurzelung haben. Für sie ist ein sogenannter Vulnerabilitätsnachweis erforderlich.

Dieses Dokument muss von Sozialdiensten oder einer akkreditierten Organisation ausgestellt werden, nachdem eine individuelle Prüfung der Lebensumstände stattgefunden hat. Geprüft werden Kriterien wie soziale Isolation, Obdachlosigkeit, unzureichendes Einkommen, die Betreuung von Minderjährigen oder Abhängigen sowie die Gefahr von Ausbeutung oder Missbrauch. Ein Sprecher der Organisation Accem erklärte gegenüber 20minutos, man konzentriere sich zunächst auf bereits bekannte Klienten, da deren Geschichte und Kontext bereits vollständig dokumentiert seien. “Die ersten drei Wochen sind die kompliziertesten”, so der Sprecher, der den Andrang dennoch als “absolut normal” im Kontext dieser existentiell wichtigen Prozedur einordnet.

Unklare Richtlinien und die Suche nach Stabilität

Die Unsicherheiten betreffen auch die formalen Anforderungen an die Vulnerabilitätsnachweise. Die Staatssekretärin für Migration, Pilar Cancela, kündigte am vergangenen Mittwoch an, ihr Ministerium werde Auslegungshilfen zu diesen Dokumenten verschicken, um offene Fragen zu klären – etwa wer sie genau ausstellen darf und welchen rechtlichen Charakter sie haben.

Trotz der chaotischen Anfangsphase herrscht bei den beteiligten Organisationen die Hoffnung, dass sich die Lage mit der Zeit stabilisiert. Man rechne mit einer besonders intensiven Anfangsphase, die von den Nervosität und den hohen Erwartungen der Antragsteller geprägt sei. Für viele von ihnen bedeutet das Verfahren die Chance, einen jahrelangen Status der Rechtlosigkeit zu beenden, der sie im Alltag zu Ausbeutung und ohne Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen macht.

Quellen: Gewerkschaft CSIF; Innenministerium; Organisation Accem; Staatssekretärin für Migration, Pilar Cancela; Rathäuser unter PP-Führung; Berichterstattung von 20minutos.

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