Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Glovo-Streik: Der Preis der Scheinselbstständigkeit
Die Revolte der Riders
Sie sind das Gesicht der modernen Dienstleistungsgesellschaft, die uns Burger und Sushi bis an die Haustür bringen. Doch nun stellen sie die Maschinerie einfach ab. Ab diesem Freitagabend legen die Lieferfahrer von Glovo in Spanien erstmals flächendeckend die Arbeit nieder – ein dreitägiger Warnstreik, der weit mehr ist als ein betriebsinterner Konflikt. Es ist die Quittung für ein Geschäftsmodell, das jahrelang auf der Ausbeutung sogenannter Scheinselbstständiger aufbaute und nun, gezwungen durch Gesetze, implodiert. Die Gewerkschaften CCOO und UGT rufen zum Protest gegen die angekündigte Entlassung von 750 Riders in rund 60 Städten auf. Die Botschaft ist klar: Die Zeche für die illegalen Praktiken der Vergangenheit sollen nicht die Beschäftigten zahlen.
Ein „ERE encubierto“ und die Macht der Plattform
Die Streikenden kämpfen nicht nur gegen die bloße Zahl der Entlassungen. Sie wehren sich gegen ein System, das, wie CCOO anprangert, einem „verdeckten Betrieblichen Beschäftigungsausgleich“ gleicht. Hinter diesem juristischen Kampfbegriff verbirgt sich der Vorwurf, Glovo nutze disziplinarische Kündigungen ohne ausreichende Garantien, um den Personalbestand schleichend zu reduzieren – eine Anschuldigung, die bereits bei der Audiencia Nacional, einem nationalen Gerichtshof, anhängig ist. Zudem prangern die Gewerkschaften eine „Gewerkschaftsverfolgung“ an und fordern die Aushandlung eines eigenen Tarifvertrags. Die Konzentrationen vor vier McDonald’s-Filialen im Großraum Madrid – in Parla, Villalba, Valdemoro und Fuenlabrada – sind dabei gezielte Schläge gegen die Partner eines fragilen Ökosystems.
Glovo rechtfertigt die Maßnahmen mit der puren Existenzangst, man müsse „die Schließung vermeiden“. Die operative Komplexität sei nach der zwangsweisen Einstellung der Fahrer als reguläre Arbeitnehmer gestiegen, Lieferzeiten hätten sich verlängert, der Service in Gebieten mit geringer Nachfrage wurde eingestellt. Ein klassisches Totschlagargument: Entweder ihr akzeptiert unsere Bedingungen, oder es gibt gar keinen Job mehr. Doch diese Erpressungslogik blendet die Ursache aus. Wie verschiedene Medien berichten, wurde Glovo 2025 von der EU-Kommission gemeinsam mit dem Mutterkonzern Delivery Hero mit 329 Millionen Euro belegt, weil sie vier Jahre lang ein Kartell im Liefergeschäft bildeten. Die Millionenstrafen in Spanien für den Missbrauch des Selbstständigen-Status sind die direkte Vorgeschichte dieser Krise.
Das Rider-Gesetz: Ein Bumerang für die Beschäftigten?
Die Ironie der Geschichte ist bitter. Das 2021 verabschiedete „Rider-Gesetz“, das genau diese Scheinselbstständigkeit verbieten sollte, wird nun von der Plattform als Begründung für Massenentlassungen instrumentalisiert. Die Anpassung, die im Juni 2025 abgeschlossen wurde, führte laut Glovo zu den genannten operativen Problemen. Doch die Gewerkschaften ziehen eine andere Bilanz: Sie sehen in der Umstellung einen halbherzigen Akt, der das eigentliche Problem nur verschleiert. CCOO kritisiert, dass neben den offiziell über 14.000 direkt bei Glovo Angestellten noch etwa 20.000 weitere bei vorgeschalteten „Briefkastenfirmen“ arbeiten. Ein undurchsichtiges Geflecht, das den Schutz des Gesetzes unterläuft.
Der spanische Markt zeigt Risse. Die Nachfrage nach Lieferdiensten schrumpfte 2025 laut der Beratungsfirma Circana um 7 Prozent, während sie europaweit um 4 Prozent stieg. Dieser Kontext erklärt die Hektik der Anbieter. Konkurrent Uber Eats stellte im Januar die Zusammenarbeit mit Selbstständigen ein, nachdem auch es mit juristischen und behördlichen Problemen zu kämpfen hatte. Just Eat hingegen agiert mit rund 3.000 festen Mitarbeitern und einem erneuerten Tarifvertrag stabiler. Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Das Modell der prekären, jederzeit austauschbaren Gig-Worker war nicht nur unmoralisch, sondern auch betriebswirtschaftlich eine Sackgasse. Die nun fälligen Sozialabgaben und Arbeitnehmerrechte bringen das Kartenhaus zum Einsturz.
Ein System am Ende
Der Streik bei Glovo ist kein Betriebsunfall, sondern eine Systemkrise. Er entlarvt den wahren Preis der Billig-Lieferung: ein Geschäft, das nur funktionierte, solange man Arbeitsrecht und soziale Sicherheit externalisieren konnte. Die Plattformökonomie steht am Scheideweg – zwischen weiterer Prekarisierung, die der Gesetzgeber nun blockiert, und einem nachhaltigen, aber teureren Service. Die Riders fordern ihren Platz in dieser neuen Realität ein. Es geht um mehr als 750 Jobs. Es geht um die Frage, ob die Digitalisierung der Arbeit am Ende doch dem Menschen dient – oder nur den Aktionären eines maroden Systems.
Quellen: Meldungen der Gewerkschaften CCOO und UGT; EU-Kommission (Kartellstrafe 2025); Circana (Marktdaten 2025); Berichte über die Umsetzung des spanischen Rider-Gesetzes.