
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Der Sturz eines Vertrauten
Es war ein Bild, das für viele zum Symbol wurde: Santos Cerdán, damals noch mächtiger Organisationssekretär der spanischen Sozialisten (PSOE), blickt im Parlament auf ein Dokument der Polizeieinheit UCO, das ihn belastet. Seit diesem 12. Juni 2025 ist nichts mehr wie es war. Der einstige "Mann für alles" von Pedro Sánchez, der noch wenige Jahre zuvor im bescheidenen Peugeot 407 des heutigen Ministerpräsidenten unterwegs war, befindet sich im freien Fall – von der politischen Spitze in die Anklagebank.
Von Vertrauensmann zum Hauptverdächtigen
Die Ermittlungen zeichnen ein zunehmend düsteres Bild. In einer neuen Entscheidung des Nationalen Gerichtshofs (Audiencia Nacional) unter Richter Santiago Pedraz wird Cerdán nicht nur zur "obersten Hierarchie" eines mutmaßlichen Korruptionsnetzes um die staatliche Beteiligungsgesellschaft SEPI gezählt. Ihm wird laut dem schriftlichen Beschluss auch die Führung einer weiteren Organisation angelastet, die gezielt sensible Gerichtsverfahren gegen die Regierung oder die PSOE "destabilisieren" sollte. Diese Operation soll sogar die "Struktur und Gelder" der Parteizentrale in der Madrider Calle de Ferraz genutzt haben. Allein für diesen Vorwurf werden Cerdán neun Straftaten zur Last gelegt.
Das Muster wiederholt sich in mehreren, vermeintlich unabhängigen Fällen. Die Justiz sieht inzwischen einen gemeinsamen Nenner: In allen mutmaßlichen kriminellen Organisationen – ob bei der Vergabe von millionenschweren öffentlichen Bauaufträgen, bei Korruption in Staatsbetrieben oder bei den Unterwanderungsversuchen – wird Cerdán als der angebliche "cabecilla", der Anführer, identifiziert.
Die Beweiskette: Audios, Chats und Strohmänner
Der Ursprung der Ermittlungen gegen Cerdán liegt im sogenannten "Koldo-Fall", dem Skandal um überteuerte Maskenverträge unter Ex-Minister José Luis Ábalos. Die dort beschlagnahmten elektronischen Geräte seines Beraters Koldo García erwiesen sich als wahre Datengoldmine. Sie enthielten unter anderem heimlich aufgezeichnete Gespräche und WhatsApp-Nachrichten, die laut den Ermittlern auf ein weitaus größeres Netzwerk hinwiesen. In diesen Aufzeichnungen, über die verschiedene Medien berichteten, diskutieren Cerdán, Ábalos und García offenbar über Vergaben und Schmiergeldzahlungen.
Die Spur der Gelder führte zur Firma Servinabar 2000, die einem engen Freund Cerdáns, Joseba Antxon Alonso, gehört. Ein von der UCO gefundener Vertrag belegt, dass Cerdán zu 45 Prozent an diesem Unternehmen beteiligt war. Zudem bestätigte ein Polizeibericht seine Rolle als "Bindeglied" zu Managern des Baukonzerns Acciona und zeigte Bilder eines Treffens in einer Madrider Wohnung.
Die "Kanalisationsarbeiten" und der lange Arm von Ferraz
Eine zentrale Figur im Netzwerk ist Leire Díez, die in der Öffentlichkeit als angebliche "Kanalarbeiterin" des PSOE bekannt wurde. Seit Juli des vergangenen Jahres wird sie von einem Madrider Untersuchungsrichter wegen des Verdachts auf Manipulationsversuche bei der UCO, der Antikorruptionsstaatsanwaltschaft und als "feindlich" eingestuften Richtern ermittelt. Der Schritt vom Verdacht zur gerichtlichen Verbindung gelang erst kürzlich: Die Ermittlungen legen nun nahe, dass Díez' Aktivitäten im Auftrag der Parteizentrale in Ferraz stattfanden und darauf abzielten, an brisante Informationen aus laufenden Verfahren zu gelangen.
Santos Cerdán, der nach seiner vorläufigen Festnahme im Juni 2025 mehrere Monate im Madrider Gefängnis Soto del Real verbrachte, ist inzwischen auf freiem Fuß. Die Justiz wartet jedoch noch immer auf einen abschließenden Bericht der UCO über sein Vermögen. Die ermittelten Gegenleistungen belaufen sich bisher auf 620.000 Euro, das Gesamtvolumen der mutmaßlich ergaunerten Summe wird aber auf über fünf Millionen Euro geschätzt. Sein politischer Aufstieg als rechte Hand des Ministerpräsidenten scheint endgültig beendet – sein juristischer Kampf hat gerade erst begonnen.
Quellen: Audiencia Nacional, Polizeiberichte der UCO, Medienberichte.
Quelle: 20minutos.es