Die Stunde der Komplizen

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Madrid

Die Stunde der Komplizen

von Sabine Keller

Die Guillotine der Verantwortung ist aufgeklappt. Während in Madrid die Justizbehörden Aktenordner durchwühlen und die Guardia Civil Bürotüren aufstemmt, vollzieht sich in den Büros der Oppositionspartei PP eine politische Hinrichtung in Dauerschleife. Die Botschaft an die zitternden Koalitionspartner von Ministerpräsident Pedro Sánchez ist unmissverständlich: Eure unbequemen Pressemeldungen reichen nicht mehr. Jetzt müsst ihr handeln – oder für immer als Komplizen des Systems gebrandmarkt sein.

Die Drohkulisse der Entscheidung

Die tonangebende Stimme dieser Kampagne kommt von Alma Ezcurra, Vizesekretärin des PP. In einer scharfkantigen Pressekonferenz, über die zahlreiche spanische Medien wie 20minutos berichteten, spannte sie den Bogen von der Vergangenheit zur ultimativen Gegenwart. "Sie waren die Hauptdarsteller bei der Ankunft von Sánchez in der Moncloa", warf sie Junts, der PNV und anderen vor. "Jetzt müssen sie entscheiden, ob sie auch Hauptdarsteller bei seinem Abgang sein wollen." Die Logik ist erbarmungslos einfach: Wer einst die Macht ermöglichte, trägt nun die historische Pflicht, sie zu beenden, wenn diese Macht korrumpiert ist. Die Alternative? Ezcurra stellt sie als biblisches Menetekel dar: "Wer morgen sagen will, er habe geholfen, die Korruption in Spanien zu säubern, kann sich heute nicht wie Pontius Pilatus die Hände waschen."

Dieser moralische Imperativ ist die Antwort der Konservativen auf die Flut von Ermittlungen, die diese Woche mit einer Durchsuchung der PSOE-Parteizentrale durch die Guardia Civil gipfelte. Richter Pedraz von der Audiencia Nacional lässt eine mögliche kriminelle Vereinigung untersuchen, die darauf abgezielt haben soll, laufende Verfahren gegen Sozialisten zu behindern. Für den PP ist dies kein Einzelfall mehr, sondern ein "Modus Operandi": ein öffentliches Amt im Dienst privater Vorteile, die PSOE-Zentrale als "Kilometer Null der Korruption" und der gesamte Staatsapparat als Schutzschild für die eigenen Leute.

Vom Skandal zum System

"Dies ist keine einfache Korruptionsgeschichte", so Ezcurra, "sondern eine Operation des institutionellen Abrisses." Die eigentliche Anklage lautet daher nicht auf Bestechung, sondern auf Missbrauch des Staates. Pedro Sánchez, so die These, instrumentalisere Institutionen als persönlichen Schild und attackiere jede demokratische Kontrollinstanz – Justiz, Medien, Opposition – als zu bekämpfenden Feind. In dieser düsteren Diagnose verwandeln sich einzelne Ermittlungsverfahren in das Menetekel eines politischen Systems, das seine eigenen Grundlagen aushöhlt.

Gegen dieses "Spektakel" bietet die PP unter Alberto Núñez Feijóo sich als Architects der nüchternen "Politik für Erwachsene" an. Man komme nicht, "um die Asche des Sanchismo wegzufegen", sondern um "Spanien von Grund auf neu aufzubauen". Dieses Narrativ soll den Druck auf die Koalitionspartner noch erhöhen: Es geht nicht um taktische Manöver, sondern um eine fundamentale Wahl zwischen zwei politischen Kulturen.

Das Zögern der Geiseln

Doch genau hier liegt die Schwachstelle der PP-Strategie. Die anvisierten Partner – vor allem die regionalistischen Kräfte von Junts und der PNV – sind keine moralischen Idealisten, sondern Pragmatiker. Ihr Zögern ist kein Ausdruck von Scham, sondern kühle Kalkulation. Eine vorzeitige Neuwahl birgt für sie enorme Risiken und könnte ihre schmale Mehrheit und damit ihren politischen Einfluss kosten. Die von Ezcurra beschworene "Verantwortung" kollidiert hier mit blankem Machterhalt. Die sozialistische Linkspartei Podemos, die sie spöttisch an ihre 15M-Protestwurzeln erinnerte ("wie kurios, Leute zu sehen, die einst das System herausforderten und jetzt einen 'Juwelier-Expräsidenten' verteidigen"), steckt in einer ähnlichen Zwickmühle: Der Sturz Sánchez' wäre ihr politisches Ende.

Die Drohung der PP ist daher auch eine Bankrotterklärung. Sie zeigt, dass eine reguläre Abwahl durch ein Misstrauensvotum selbst in dieser Krise illusorisch bleibt. Also wird die moralische Keule geschwungen. Die Frage ist, ob die Partner diese Keule fürchten – oder ob sie wissen, dass sie in der Realpolitik lediglich aus Pappmaché besteht. Solange der Preis für den "Heldentod" der Regierungsbeteiligung höher ist als der der "Komplizenschaft", wird die Guillotine wohl weiter unbenutzt in der Luft hängen bleiben. Die wahre Machtprobe findet nicht in Ferraz oder Genua statt, sondern in den stillen Büros von Barcelona und Bilbao.

Quellen: Die zentralen Aussagen und der Kontext basieren auf einer Pressekonferenz der PP-Vizesekretärin Alma Ezcurra, wie sie von 20minutos und anderen spanischen Nachrichtenportalen wiedergegeben wurde.


Quelle: 20minutos.es