
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Tourismusmodell verschärft Immobilienkrise
Eine regionale Anomalie im Fokus
Die Untersuchung globaler Vermögensdaten durch das World Inequality Lab offenbart signifikante regionale Unterschiede. Eine besonders markante Anomalie findet sich innerhalb Spaniens, wie die Ökonomin Clara Martínez-Toledano, die an der Koordination dieser Daten mitarbeitet, erläutert. Während die Balearen nach Madrid das zweithöchste durchschnittliche Vermögen in Spanien aufweisen, liegen die Kanarischen Inseln am unteren Ende der Skala. Diese Diskrepanz ist insofern bemerkenswert, als beide Regionen ein ähnliches, tourismuszentriertes Wirtschaftsmodell verfolgen und intern eine hohe Ungleichheit aufweisen.
Die Erklärung liegt laut Martínez-Toledano nicht in der Verteilung, sondern in der absoluten Höhe der erwirtschafteten Erträge. "Der Gesamtgewinn, den der Tourismussektor generiert, ist auf den Balearen höher, möglicherweise bedingt durch eine Touristenschaft mit höherer Kaufkraft", so die Expertin. Dies führe zu höheren Einkommen und einer größeren Fähigkeit, Vermögen zu sparen und anzusammeln als auf den Kanaren. Die Verteilungsmechanismen dieser Gewinne seien in beiden Archipelen jedoch identisch.
Vom Wohnraum zum Finanzasset: Der balearische Sonderfall
Das balearische Modell wirkt jedoch als Katalysator für ein gesamteuropäisches Problem. Martínez-Toledano beschreibt die Inseln als Extrembeispiel einer Entwicklung, die bereits in den meisten europäischen Großstädten zu beobachten ist. "Im Fall der Balearen wird das Phänomen durch den Tourismussektor verschärft", stellt sie fest. Die enorme Nachfrage nach Wohnimmobilien als Investitionsobjekt oder für Ferienvermietung ermögliche Eigentümern hohe Renditen. "Dies lenkt einen Großteil des Kapitals in den Immobiliensektor, treibt die Preise nach oben und verwandelt Wohnraum in ein hyperattraktives Finanzasset."
Für die Mittelschicht und junge Menschen sei der Zugang zum Wohnungsmarkt dadurch zunehmend versperrt. Die Immobilie sei weniger ein Sparmechanismus geworden, sondern vielmehr eine "Barriere der Exklusion". Dies ist ein zentraler Treiber der wachsenden Generationenkluft. Für die allgemeine Ungleichheit zwischen Arm und Reich seien jedoch nach wie vor klassische Finanzanlagen wie Investmentfonds oder der Zugang zu privaten Kapitalmärkten der primäre Motor, von dem wirtschaftlich Benachteiligte weitgehend ausgeschlossen blieben.
Erbe und Herkunft: Der entscheidende Faktor
Die Daten zeichnen ein klares Bild von den wachsenden Hürden für sozialen Aufstieg. Martínez-Toledano verweist auf die zunehmende Bedeutung von Faktoren, die außerhalb der Kontrolle des Einzelnen liegen. "Das Gewicht von Erbe und Postleitzahl hat heute eine viel größere Bedeutung als vor 20 oder 30 Jahren", berichtet die Ökonomin. Kapitalerträge aus Finanzanlagen und Immobilien hätten vor allem diejenigen bereichert, die bereits über Vermögen verfügten. Der Ort der Geburt – symbolisiert durch die Postleitzahl – bestimme weiterhin maßgeblich das künftige Einkommensniveau, den Bildungsweg und die gesamten Chancen eines Menschen. Eigenes Bemühen sei zwar nicht irrelevant, doch der Startpunkt werde immer entscheidender.
Diese wirtschaftliche Polarisierung hat laut Martínez-Toledano direkte politische Konsequenzen und untergräbt die Stabilität demokratischer Systeme. "Die verwundbarsten Teile der Bevölkerung fühlen sich von den traditionellen Parteien nicht repräsentiert", analysiert sie. Diese Entfremdung führe entweder zu politischer Apathie oder mache anfällig für extremistische und populistische Narrative, die in Spanien und anderen europäischen Ländern beobachtet werden könnten.
Globale Lösungsansätze als einziger Weg
Auf die Frage nach wirksamen Gegenmaßnahmen spricht sich Martínez-Toledano für einen koordinierten globalen Ansatz aus. Die oft vorgebrachte Drohung einer Kapitalflucht bei nationalen Vermögenssteuern hält sie nach Auswertung empirischer Studien für überbewertet. "Das Verhalten der Superreichen gegenüber solchen Steuern ist nicht sehr stark ausgeprägt; eine Kapitalflucht ist nicht massiv", so ihre Einschätzung. Dennoch sei eine isolierte nationale Politik riskant.
Daher befürwortet sie die Idee eines globalen Mindeststeuersatzes für Milliardäre, wie ihn der Ökonom Gabriel Zucman propagiert. "Wenn er global ist, neutralisiert man die Kapitalflucht vollständig, weil der Steuersatz in jedem Winkel der Welt gleich wäre", argumentiert Martínez-Toledano. Diese Mittel, die ausschließlich von der Spitze der Vermögenspyramide erhoben würden, könnten für gezielte Umverteilung und die Stärkung sozialer Systeme eingesetzt werden.
Quelle: diariodemallorca.es