Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Der große Widerspruch: Wenn Immobilienexperten den Staat rufen
Es ist ein bemerkenswertes Schauspiel: Diejenigen, die normalerweise für freie Märkte und das heilige Recht auf Eigentum eintreten, rufen plötzlich nach dem Staat. Über 600 Rechtsprofis – Notare, Grundbuchbeamte, Anwälte, Immobilienverwalter – versammelten sich kürzlich im Il·lustre Col·legi de l’Advocacia de Barcelona (ICAB). Ihr gemeinsamer Appell? Ein „transversaler Pakt für den Wohnraum“. Man muss schon genau hinhören, um die Ironie zu erkennen, die zwischen den Zeilen dieses Forderungskatalogs lauert.
Die Zahlen sprechen eine brutale Sprache
Die Basis für den Alarmruf lieferten die Fakten, die auf dem Kongress präsentiert wurden. Laut Daten des Colegio de Registradores de España sind die Immobilienpreise in Spanien zwischen 2019 und 2025 um 23,5 Prozent gestiegen, in Katalonien sogar um 31,7 Prozent. In Barcelona liegt der Durchschnittspreis für eine Wohnung inzwischen bei rund 270.000 Euro, plus Steuern. Gleichzeitig ist der Anteil geförderter Wohnungen im selben Zeitraum von 9,49 auf 6,95 Prozent gesackt. In Katalonien beträgt er nur noch magere 5,9 Prozent. Das ist kein Marktversagen mehr, das ist Marktimplosion. Die Schere zwischen Angebot und Nachfrage klafft so weit auseinander, dass selbst die Profiteure des Systems nervös werden.
Doch Vorsicht: Wenn Immobiliennotare und Grundstücksmakler nach einem „Pakt“ rufen, meinen sie selten eine revolutionäre Umverteilung. Die analysierten Lösungsansätze – Mobilität, Stadtplanung, Steuern, Bürokratieabbau – bleiben im Rahmen des Systemimmanenten. Man diskutierte fein säuberlich in fünf Fachpanels über Mietpreisbremsen, Zwangsversteigerungen, Bodenrecht und die „Verhältnismäßigkeit“ von Sanktionen. Die Kernfrage, ob nicht das gesamte Modell der Wohnraumverwertung auf dem Prüfstand gehört, blieb geflissentlich außen vor.
Der Wolf im Schafspelz der Harmonie
Besonders aufschlussreich war die Botschaft aus dem Urbanismus-Panel. Dort wurde betont, man müsse den Konflikt zwischen Bürgern – also Eigentümern und Mietern – vermeiden, „da die einen die Güter besitzen, die die anderen brauchen“. Diese vermeintlich versöhnliche Formel ist in Wahrheit eine Bankrotterklärung. Sie zementiert den Status quo: Hier die Besitzenden, dort die Bittsteller. Ein Pakt auf dieser Grundlage ist kein Gesellschaftsvertrag, sondern ein Friedensdiktat.
Ebenso bezeichnend ist eine andere vorgestellte Initiative: Ein Gesetzesvorschlag des ICAB zur „strafbaren Besetzung“, der die vorläufige Rückerlangung einer Immobilie innerhalb von 48 Stunden vorsieht. Während also auf der einen Seite nach sozialem Ausgleich gerufen wird, wird parallel der juristische Schlagstock gegen die prekärsten Opfer der Krise geschliffen. Diese Doppelmoral entlarvt den ganzen Diskurs.
Ein Pakt – aber mit wem und zu welchem Preis?
Die Schlussrednerliste liest sich wie das Who’s who der immobilienrechtlichen Elite Kataloniens. Die Dekanin des ICAB, Vertreter der Notare, Grundbuchbeamten, der Wohnungsbaubehörde und der Stiftung für Sozialen Wohnungsbau gaben sich die Klinke in die Hand. Ein geschlossenes System appelliert an sich selbst.
Die Forderung nach einem umfassenden Pakt ist richtig und überfällig. Doch ein solcher Pakt darf nicht im Elfenbeinturm der Juristen geschmiedet werden. Er muss Mieterverbände, Stadtteilinitiativen, Soziologen und diejenigen an den Verhandlungstisch holen, die die 300.000-Euro-Wohnung niemals werden kaufen können. Die Experten in Barcelona haben den Finger in die Wunde gelegt. Jetzt geht es darum, zu verhindern, dass sie nur ein Pflaster darauf kleben, das den Eigentümern hilft, ruhig zu schlafen – während andere weiterhin auf der Straße stehen.
Quellen: Angaben des Il·lustre Col·legi de l’Advocacia de Barcelona (ICAB) zum VI. Immobilienrechtskongress; Preisdaten des Colegio de Registradores de España (2019-2025).