Der wahre Preis der Wohnungsnot

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Barcelona

Der wahre Preis der Wohnungsnot

von Redaktion

Die Debatte um die Wohnungsnot wird regelmäßig auf ein einfaches, emotionales Narrativ reduziert: Der Fremde ist der Schuldige. Eine Versammlung von Fachleuten in Barcelona hat diesen populistischen Reflex nun mit Zahlen dekonstruiert und zeigt, wo die Probleme wirklich liegen – und wer sie wirklich verursacht hat.

Zahlen sprechen gegen Stereotype

Anlässlich eines Immobilienkongresses des Illustren Anwaltskollegiums von Katalonien (ICAB) präsentierte die Vizepräsidentin des Notariatskollegs, Raquel Iglesias, klare Daten: Nur 3,95 Prozent der Wohnungskäufe in Katalonien werden aktuell von nicht residenten Ausländern getätigt. Der weitaus größere Teil der ausländischen Käufer, 16,86 Prozent, sind in der Region ansässige und steuerzahlende Personen. Der Höhepunkt der Investitionen von außen lag 2013 bei über 10 Prozent – heute ist dieser Effekt marginal. Die These, dass externe Kaufkraft den lokalen Markt leerfegt, ist statistisch widerlegt.

Das eigentliche Problem ist ein strukturelles, wie der Ökonom und Geschäftsführer der Kammer für Urbanes Eigentum in Barcelona, Òscar Gorgues, analysiert. Er beschreibt einen dreifachen, über zwei Jahrzehnte angesammelten Missstand: wirtschaftlich, demografisch und produktiv. Der Wohnungsmarkt spiegelt nicht die Bedürfnisse der Bevölkerung, weil Politik und Planung ihn über Jahre ignoriert haben.

Das Defizit ist hausgemacht

Joan Marc Torrent, Direktor der Vereinigung der Bauunternehmer in Katalonien, führt das Dilemma auf ein fundamentales Angebotsdefizit zurück. Die aktuelle Wohnungsproduktion decke „praktisch nur die halbe Nachfrage der Haushalte“. Die private Entwicklung sei entscheidend für den Ausbau des Angebots, sowohl für freifinanzierte wie für sozial geförderten Wohnraum. Doch die öffentlich-private Zusammenarbeit werde nicht mit dem notwendigen Budget unterfüttert, kritisiert Torrent.

Die Generaldirektorin für Wohnungsbau der katalanischen Regierung, Jordi Mas, verwies zwar auf ambitionierte Pläne: 50.000 neue öffentliche Wohnungen bis 2030 und ein Ziel von 300.000 in 20 Jahren. Doch diese Zahlen stehen im Kontrast zu der realen, täglichen Not, die in Barcelona und anderen Städten sichtbar ist. Der Kongress selbst war mit einer Solidaritätsaktion verbunden – der Unterstützung der Fundació Habitatge Social, einer Organisation, die seit 35 Jahren Wohnraum für Familien in akuter Not bereitstellt. Laura Pujol von der Stiftung berichtete, dass 47 Prozent ihrer Klienten alleinerziehende Mütter sind. Ihr Projekt „Oikos“ bietet nicht nur eine Unterkunft, sondern sozialen Begleitung zur Wiedererlangung der Autonomie.

Fazit: Politische Verantwortung statt Sündenbock-Suche

Die einfache Schuldzuweisung an „die Ausländer“ ist ein bequemes Ablenkungsmanöver. Die komplexe Wahrheit, wie sie die Experten in Barcelona darlegten, ist unbequemer: Es ist ein Versagen der Wohnungsbaupolitik über Jahrzehnte, ein Mangel an Investitionen in sozialen Wohnraum und eine unzureichende Steuerung des Marktes, die die Bevölkerung den „wahre Preis der Wohnungsnot“ zahlen lässt. Die Lösung liegt nicht in der Stigmatisierung von Gruppen, sondern in einer konsequenten öffentlichen und privaten Initiative, die das Angebot strukturell und massiv erhöht. Alles andere ist nur Ablenkung.

Quellen: Daten und Analysen basieren auf den Vorträgen beim VI. Kongress für Immobilienrecht 2026 des Illustren Anwaltskollegiums von Katalonien (ICAB), insbesondere den Beiträgen von Raquel Iglesias (Notariatskolleg), Òscar Gorgues (Kammer für Urbanes Eigentum Barcelona), Joan Marc Torrent (Vereinigung der Bauunternehmer Katalonien) und Jordi Mas (katalanische Wohnungsbaudirektion). Die Darstellung der Fundació Habitatge Social stammt von Laura Pujol.

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