Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Nach der Flut: Opfer fordern Konsequenzen
Ein Amt als Schutzschild?
Über ein Jahr ist vergangen, seit eine verheerende Sturzflut in der Region Valencia 230 Menschenleben forderte. Die politische Aufarbeitung? Eine Farce. Während die Betroffenen noch immer um ihre Angehörigen trauern und auf strukturelle Veränderungen hoffen, agiert der damals verantwortliche Regionalpräsident Carlos Mazón (PP) weiterhin als geschützter Abgeordneter. Die Botschaft ist klar: In der valencianischen Politik regiert das Prinzip der Straflosigkeit. Die Vereinigung der Opfer der DANA vom 29. Oktober 2024 hat nun genug von dieser politischen Schutzzone. Sie startet eine Offensive, um Mazón sein Mandat zu entziehen – und stellt damit die gesamte politische Klasse vor Gericht.
Die Motion: Ein politisches Exempel
Wie die Vereinigung bekannt gab, wird sie eine Motion an alle Rathäuser der Autonomen Gemeinschaft Valencia verschicken. Das Ziel ist ebenso einfach wie radikal: Die Kommunalparlamente sollen den Rücktritt Mazóns aus dem Regionalparlament, den Corts, fordern. Damit würde er seinen parlamentarischen Sonderstatus und die damit verbundene Immunität verlieren. Für die Opfervertreter ist dies keine juristische Petitesse, sondern eine grundlegende Frage der Gerechtigkeit. “Der politische Schutz für Carlos Mazón ist eine Botschaft des PP und von Vox an den Garanten eines kriminell nachlässigen Krisenmanagements”, erklärt Vereinspräsidentin Mariló Gradolí scharf. Es geht um ein Signal: Wer in einer solchen Katastrophe versagt, darf nicht ungeschoren in einem Amt protegiert werden.
Doch die Initiative zielt weiter. Sie fordert konkret die Umsetzung aktiver Schutzpolitiken für den Notfall. Eine Forderung, die dringlicher nicht sein könnte, denn wie Gradolí anprangert, gibt es bis heute “keinerlei echte Veränderung in der öffentlichen Politik”. Weder eine tiefgreifende Überprüfung der Notfallsysteme noch eine ernsthafte Planung für Extremwetterereignisse seien in Angriff genommen worden. Die Opfer fürchten, dass sich die Tragödie wiederholen könnte.
Lokale Vernetzung statt leere Versprechungen
Während die Landespolitik zu stagnieren scheint, organisiert sich die Basis. In Benetússer, einer der am schwersten betroffenen Gemeinden, versammelten sich kürzlich fast hundert Mitglieder und Unterstützer zu einer lokalen Versammlung. Dies war nur der Auftakt einer Reihe von Treffen in Orten wie Catarroja oder Massanassa. Der Zweck ist nicht bloßes Gedenken, sondern aktive Strategiebildung. In diesen Foren werden Ängste und Forderungen gesammelt, Bündnisse geschmiedet und der Weg für weitere Aktionen geebnet. “Unsere Kämpfe sind nicht vorbei. Für uns, für die, die nicht mehr da sind, und für all jene, die noch kommen könnten”, bringt es Toñi García, die Ehemann und Tochter verlor, auf den Punkt.
Die Versammlungen dienen auch der praktischen Hilfe. Der Schatzmeister der Vereinigung, Josep Ignasi Carpio, beriet zu Entschädigungszahlungen, während die Anwältin Míriam Salmerón über den Stand des Ermittlungsverfahrens vor dem Untersuchungsgericht Nr. 3 in Catarroja informierte. Selbst Detailfragen wie die steuerliche Behandlung von Hilfsgeldern für 2026 werden thematisiert. Es ist der Beweis einer zivilgesellschaftlichen Bewegung, die sich nicht mit hohlen Phrasen abspeisen lässt, sondern konkrete Antworten und Sicherheit für die Zukunft einfordert.
Ein Systemversagen mit Ansage
Die anhaltende Kampagne der Opfervereinigung legt den Finger in eine offene Wunde des spanischen Katastrophenmanagements. Sie konfrontiert die Öffentlichkeit mit einer unbequemen Wahrheit: Nach Naturkatastrophen folgt oft ein politisches und administratives Versagen zweiter Ordnung. Die Aufklärung wird verschleppt, die Verantwortlichen geschont, und notwendige Reformen vertagt. Die Forderung nach Mazóns Mandatsentzug ist somit mehr als eine Personalie. Sie ist der Versuch, einen Präzedenzfall zu schaffen und die Verantwortlichkeit von Amtsträgern im Krisenfall neu zu definieren.
Die politischen Parteien in den Rathäusern Valencias stehen nun vor einer Gewissensentscheidung. Werden sie die Motion unterstützen und damit die Opfer würdigen? Oder werden sie, wie so oft, Parteidisziplin über Menschlichkeit stellen? Die Antwort wird zeigen, ob aus der Tragödie vom 29. Oktober 2024 jemals echte Konsequenzen erwachsen werden. Für die Betroffenen ist klar: Nur Wahrheit, Gerechtigkeit und ein fundamental neuer Ansatz im Katastrophenschutz können verhindern, dass sich Geschichte wiederholt.
Quellen: Angaben der Associació de Víctimes DANA 29 d’Octubre; Berichte von Europa Press über die Versammlung in Benetússer.