
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Angehörige harren nach Zugunglück auf Nachrichten
Ein Wettlauf gegen die Zeit
Die Nerven der Angehörigen liegen blank. Während die Ermittler am Unglücksort nahe der Gemeinde Urda weiterarbeiten, sitzen Dutzende Menschen in einer Bildungseinrichtung in Toledo zusammen. Sie eint die Ungewissheit über das Schicksal ihrer Liebsten, die am Mittwoch in einem der beiden verunglückten Züge saßen. Allein die offizielle Bestätigung, dass jemand unter den Toten ist, bleibt vielen bislang verwehrt – mehr als 24 Stunden nach dem schwersten Zugunglücks Spaniens seit Jahrzehnten.
Ein Mann beschreibt die qualvolle Situation. Sein Bruder reiste im achten Waggon, direkt hinter der Lokomotive. Als vermisst gemeldet, wartet die Familie nun darauf, dass die Behörden die am Vorabend abgegebenen DNA-Proben mit den Ergebnissen aus den Krankenhäusern abgleichen. „Die sagen uns dann hoffentlich endlich, wo mein Bruder ist“, erklärt er vor Journalisten. Die Ungewissheit nage unerbittlich an einem: „Die Zeit hinterlässt ihre Spuren – man muss versuchen, mit etwas Hoffnung dagegenzuhalten.“
Ein Notruf vom Smartphone als erster Hinweis
Auf dramatische Weise erfuhr die Familie von dem Unglück: Eine Gesundheits-App auf dem Handy des Vermissten löste einen Notruf an den Bruder aus. Zu diesem Zeitpunkt dachte er zunächst an einen Sturz, doch dann erkannte er über den Standort, dass sich der Bruder inmitten von Feldern befand – weit weg von jeder befahrenen Strecke. Ein Anruf bei der Schwester bestätigte die schlimmste Vermutung: Er saß im Unglückszug nach Sevilla. Seither suchen die Geschwister nach einer Spur – und fanden bislang nur einen kleinen Trost: Ihr Bruder, der mit seinem Hund unterwegs war, lebte den Tieren offenbar nicht allein – der Vierbeiner wurde verletzt, aber lebend geborgen.
Die Stimmung unter den Wartenden schwankt. Phasen vorsichtiger Zuversicht wechseln sich mit Momenten tiefster Verzweiflung ab. „Wir hoffen, dass er im Krankenhaus liegt, bewusstlos und deshalb nicht in der Lage, uns zu kontaktieren“, sagt eine Angehörige. Das ist für viele die einzige verbleibende Hoffnung.
In den sozialen Medien kursieren derweil hunderte Posts mit Fotos. Verzweifelte Suchaufrufe für junge Pendler, eine Frau aus dem siebten Waggon, Männer verschiedenen Alters – sie alle sind noch nicht identifiziert. Ein grausiges Warten, von dem die Behörden wissen. Ein Sprecher der Guardia Civil betont, man arbeite mit Hochdruck, milde ausgedrückt: „Wir dürfen uns keine Fehler erlauben. Eine falsche Information wäre für die Familien verheerend. Lasst uns unsere Arbeit in Ruhe beenden – die Ergebnisse werden kommen.“ Mindestens 50 Leichen harren noch der Identifizierung; die Suche in den Trümmern dauert an.
Wie die Tageszeitung 20 Minutos berichtet, dürfte es daher noch Stunden dauern, bis alle Familien Gewissheit haben. Ein Angehöriger bringt es auf den Punkt: „Wir müssen stark sein – und darauf vertrauen, dass die Ermittler das Richtige tun.“
Quelle: 20minutos.es