
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
115 Tote: Spaniens Bahnrate explodiert
Madrids Ansehen als Bahnvorreiter bekommt tiefe Risse
Es war ein längerer Moment der Selbstzufriedenheit: Spaniens Hochgeschwindigkeitsnetz galt als Vorzeigeprojekt, als Maßstab für Sicherheit und Modernität in Europa. Doch die zwei verheerenden Kollisionen, die sich innerhalb von nicht einmal zehn Monaten auf denselben Gleisen ereignet haben, haben dieses Bild nachhaltig beschädigt.
Wie aus dem jüngsten Bericht der Europäischen Eisenbahnagentur (ERA) hervorgeht, hatte sich Spanien zwischen 2022 und 2024 mit durchschnittlich 0,19 Todesfällen pro Million Zugkilometer noch exakt im europäischen Mittelfeld bewegt. Dieser Wert, der für die Jahre vor den Unglücken gilt, wird durch die Ereignisse in Adamuz und Urda nun pulverisiert.
Von Musterschüler zum europäischen Schlusslicht
Die mathematische Konsequenz ist brutal: Mit insgesamt 115 Todesopfern aus den beiden Vorfällen steigt die Rate auf 2,2 Tote pro Million Zugkilometer. Ein Wert, der nahezu das Zwölffache des bisherigen Durchschnitts beträgt und dessen Dimension erst im Vergleich deutlich wird. In keinem anderen westeuropäischen Land gab es in den letzten Jahren auch nur annähernd solche Zahlen. Das Niveau, das Spanien nun erreicht, nähert sich dem von Griechenland an, das zwischen 2022 und 2024 die mit Abstand schlechteste Bilanz der gesamten Europäischen Union aufwies.
Der erste Schock kam im Frühjahr 2026 mit dem Unglück von Adamuz in der Provinz Córdoba, bei dem 46 Menschen ihr Leben verloren. Damals sprach man noch von einem tragischen Einzelfall, einem fatalen Zufall. Dass sich kaum neun Monate später, im Dezember, eine zweite Katastrophe auf derselben Schnellfahrstrecke zwischen Madrid und Andalusien ereignen würde, hielt niemand für möglich.
Forschungsteam zeigt sich zugeknöpft
In Urda, in der Nähe von Toledo, war ein AVE mit 397 Passagieren auf einen langsamer fahrenden Iryo-Zug aufgefahren. Das Zugunglück forderte mindestens 69 Tote und mehr als 180 Verletzte. Die Bilder von dem Schlagen, das ein zerrissener Schienenstrang durch einen kompletten Waggon bohrte, gingen um die Welt.
Die ERA, die für die Überwachung der Eisenbahnsicherheit in der EU zuständig ist, hat umfangreiche Unterstützung bei den Ermittlungen zugesagt, sich jedoch geweigert, vor Abschluss der Untersuchungen irgendwelche Schlussfolgerungen zu den Ursachen zu präsentieren. Das sei schlicht verfrüht, so die Behörde.
Im Ministerium für Verkehr in Madrid deutet man derweil erste Erkenntnisse an: Einem Bericht zufolge könnte eine fehlerhafte Zugsicherung eine Rolle gespielt haben. Ein ausgefallenes Computersystem soll zu einer missverständlichen Befehlsübermittlung geführt haben, wodurch der AVE die Erlaubnis erhielt, obwohl das Gleis vor ihm noch blockiert war.
Für die Hinterbliebenen und die spanische Öffentlichkeit sind das schwache Trostpflaster. Die Frage, wie es in einem der modernsten Bahnsysteme Europas zu einer derartigen Häufung von schweren Unfällen kommen konnte, bleibt vorerst unbeantwortet. Sicher ist nur: Der schlaraffenländische Ruf der spanischen Bahn ist dahin, und die Aufarbeitung der größten Tragödien in der Geschichte der spanischen Eisenbahn hat gerade erst begonnen.
Quelle: 20minutos.es