Wer hat Anspruch auf Solidarität?

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Palma de Mallorca

Wer hat Anspruch auf Solidarität?

von Redaktion

Die Diskussion um die Verteilung von Hilfsgeldern offenbart mehr über den Zustand einer Gesellschaft als über ihre Finanzkraft. Auf Mallorca wird dieser Grundsatz nun in harter Realpolitik übersetzt: Der Inselrat wird die Zugangshürden zu einem Teil der Sozialhilfen deutlich erhöhen. Wer künftig Unterstützung aus einem 9-Millionen-Euro-Topf für wirtschaftliche Folgen des Iran-Konflikts erhalten möchte, muss nicht mehr drei, sondern fünf Jahre legal auf der Insel gelebt haben. Was wie eine bürokratische Feinjustierung klingt, ist in Wahrheit ein politisches Beben – und ein gefährlicher Präzedenzfall.

Die Abschottung als Programm

Hinter dieser Verschärfung steht nicht der Wunsch nach administrativer Klarheit, sondern eine klare ideologische Agenda. Die rechte Partei Vox feiert die Neuregelung als eigenen Erfolg. Ihr Vizepräsident im Inselrat, Pedro Bestard, spricht unverblümt von einer „Pionierleistung“ und dem Konzept der „nationalen Priorität“. Die Botschaft ist so einfach wie ausgrenzend: Hilfe soll es primär für „die Spanier“ geben. Bestard ging sogar so weit, die aktuellen gesetzlichen Grenzen als zu lasch zu bezeichnen und forderte eine Änderung der nationalen Gesetze, die seiner Meinung nach „den Spaniern schaden“.

Diese Rhetorik ist kein Einzelfall, sondern Teil einer Strategie. Wie von Europa Press berichtet, versucht Vox, dieses Prinzip der „nationalen Priorität“ – ursprünglich in Koalitionsvereinbarungen in Extremadura und Aragonien eingeführt – via parlamentarischer Initiativen in weitere Regionen zu tragen. Die Mallorca-Hilfen sind somit nur ein Testballon für eine viel weitergehende Forderung: die systematische Überprüfung und Umgestaltung aller Sozialleistungen nach ethnisch-nationalen Kriterien.

Ein verfassungswidriger Geist in legalistischem Gewand

Die offizielle Linie des Inselrats versucht, sich von der radikalen Interpretation von Vox zu distanzieren. Man weise die Idee zurück, dass die Hilfen „nur für Spanier“ sein müssten, da dies gegen die spanische Verfassung und europäisches Recht verstoßen würde. Doch dieser Widerspruch ist heuchlerisch. Die faktische Wirkung der Fünf-Jahres-Frist ist eine massive Benachteiligung von Menschen ohne spanischen Pass, auch wenn sie legal im Land leben und Steuern zahlen. Sie schafft eine zweite Klasse von Beitragszahlern, die im Notfall von der Solidargemeinschaft ausgeschlossen wird.

Zur Rechtfertigung verweist der Rat auf ähnliche Wohnsitzauflagen bei der Garantierten Mindesteinkommenssicherung (Resoga) oder im sozialen Wohnungsbau. Doch der Verweis auf andere Diskriminierungen macht eine neue nicht akzeptabler. Er zeigt vielmehr einen besorgniserregenden Trend: Die Hürde des legalen Aufenthalts wird zunehmend als Instrument der sozialen Selektion missbraucht.

Ein Hilfspaket als politischer Spielball

Der Weg des insgesamt auf fast 90 Millionen Euro angewachsenen Hilfspakets war holprig. Ursprünglich für eine Sitzung im April vorgesehen, wurde die Abstimmung über die sozialen Hilfen verschoben, um „technische Verbesserungen“ vorzunehmen – was sich nun als Euphemismus für die Verschärfung der Auflagen entpuppt. Während dieser Teil blockiert war, wurden bereits andere Posten in Höhe von 12,6 Millionen Euro für Kriegsfolgen bewilligt. Diese Zickzack-Kurs offenbart, wie sehr humanitäre Hilfe zum Verhandlungsobjekt innenpolitischer Machtspiele degradiert wird.

Die entscheidende Frage ist: Wem gilt die Solidarität einer Gesellschaft? Schützt sie die Schwächsten in einer Krise, unabhängig von ihrem Geburtsort oder der Länge ihres Meldezettels? Ofer definiert sie Gemeinschaft neu – exklusiv, abgrenzend und im Geiste eines völkischen Nationalismus? Mallorcas Inselrat hat mit seiner Entscheidung eine Richtung vorgegeben. Sie ist, trotz aller verfassungsrechtlichen Lippenbekenntnisse, eindeutig. Es ist die Richtung der Spaltung, die den Grundsatz der Gleichbehandlung aushöhlt und Sozialpolitik in Identitätspolitik verwandelt. Eine gefährliche Wegmarke, die über die Balearen hinaus strahlt.

Quellen: Mitteilung der Vox-Fraktion im Consell de Mallorca; Stellungnahmen von Vizepräsident Pedro Bestard; Hintergrundinformationen und Einordnung durch Europa Press.

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