
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Die verlorene Seele des Festes
In einer Zeit des digitalen Rauschens und des massenhaften Konsums wirkt die Veröffentlichung eines Buches über lokale Bräuche wie ein Akt des Widerstands. Der zweite Band von „Feste, Bräuche und Traditionen auf Mallorca“ wurde im Club Diario de Mallorca nicht nur vorgestellt, sondern in einer emotionalen Veranstaltung als Plädoyer für die menschliche Perspektive verteidigt. Initiator Felip Munar und Fotograf Miquel Riutort, begleitet vom Schriftsteller Gabriel Janer Manila und den Glossatoren Macià Ferrer ‘Noto’ und Cati Eva Canyelles, nutzten den Abend für eine tiefgehende Analyse des Zustands mallorquinischer Volksfeste.
Zwischen Dokumentation und emotionalem Kern
Das Werk ist das Ergebnis jahrelanger fotografischer Arbeit. Doch wie die Autoren betonen, sei es weit mehr als ein visuelles Archiv. „Es ist sehr schwer, zur Seele des Festes vorzudringen, wenn alles massenhaft stattfindet“, konstatierte Fotograf Miquel Riutort laut dem Bericht der Veranstaltung. Seine Aufgabe beschrieb er nicht als reines Abbilden, sondern als Versuch, das Unsichtbare einzufangen – die Emotion, die Gemeinschaft, den flüchtigen Moment. Dies erfordere Empathie und die Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen, um das Vertrauen der Gemeinschaft zu gewinnen und intime, ungestellte Momente festzuhalten.
Riutorts „gestohlene Bilder“ zeigen Feste in ihrer ungefilterten Authentizität, von der Sibylle über die Trommler bis zum Davallament in Esporles oder der Fira del Llonguet des Pil·larí. Doch hinter jeder Aufnahme stehe eine wachsende Sorge: die zunehmende Massifizierung und Inszenierung. Riutort schilderte, wie Plätze überfüllt, Zugänge kontrolliert und die ständige Suche nach dem perfekten Handy-Foto die Atmosphäre fundamental veränderten. „Ich kehrte zum Much-Fest zurück, und es war nicht mehr dasselbe“, gab er zu Protokoll.
Die Festkultur im Zeitalter der Beschleunigung
Folklorist Felip Munar lieferte die historisch-kulturelle Einordnung. Er wies darauf hin, dass die klare Trennung zwischen Fest und Alltag in der beschleunigten Gegenwart praktisch verschwunden sei. Rituale, die einst die kollektive Zeit strukturierten, seien verwässert worden. „Heute läuft alles so schnell, dass viele dieser Feste verschwinden werden“, warnte Munar. Seine Arbeit verstehe er daher als Versuch, das Flüchtige zu bewahren – jene Feiern, die nur zu einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr existieren und sich nicht künstlich reproduzieren lassen.
Doch Munar verfiel nicht in Nostalgie. „Das Fest muss allen gehören“, insistierte er. In einer multikulturellen Gesellschaft könnten traditionelle Feiern ein gemeinsamer Raum der Begegnung und des Zusammenhalts sein. Voraussetzung sei jedoch, ihren Sinn zu vermitteln: „Man muss erklären, warum wir um das Feuer tanzen. Es geht nicht darum, jemanden zur Teilnahme zu zwingen.“ Nur wenn drei Dimensionen erhalten blieben – eine spirituelle, eine physische und die der kollektiven Verbundenheit –, könnten die Traditionen überleben.
Das Wesen der Zugehörigkeit
Ein zentrales Moment der Präsentation war die Lesung von Gabriel Janer Manila. Er zitierte Texte von Antoni Marí und Josep Piera, die die verbindende Kraft der Feste beschrieben: „Sie sind schön und notwendig, die Feste. Denn sie verbünden uns miteinander, lassen uns an identischen Chimären und ähnlichen Hoffnungen teilhaben.“
Zur Veranschaulichung des Missverständnisses zwischen bloßem Zuschauen und emotionaler Teilhabe erzählte Janer Manila eine Anekdote aus dem 19. Jahrhundert. Bei einem Besuch der Infantin Isabel de Borbón in Felanitx näherte sich ihr die traditionelle Figur des „Joan Pelós“ zu Ehren. Die Infantin, die den rituellen Sinn der Geste nicht kannte, reagierte abweisend: „Nehmt mir diese Vogelscheuche weg.“ Die Geschichte zeige, so Janer Manila, dass ein Volksfest nicht als reines Spektakel funktioniere. Es brauche emotionales und symbolisches Engagement. Wer von außen komme, sehe nur Kostüme und Lärm. Wer es als sein Eigen empfinde, erkenne darin Erinnerung, Identität und geteilte Emotion.
Das Buch versucht genau dies zu bewahren: nicht eine touristische Postkarte oder ein rein ethnografisches Dokument zu schaffen, sondern die menschliche Spur eines Volkes festzuhalten, das sich in der Geschwindigkeit der Gegenwart noch immer selbst erkennen will.
Quelle: diariodemallorca.es