
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Zapaters Traum vom Friedensnobelpreis
Das moralische Laboratorium
Mallorca sollte die Bühne für José Luis Rodríguez Zapateros größten außenpolitischen Ambition werden. Acht Monate nach den verheerenden Madrider Anschlägen von 2004 lancierte der damalige spanische Ministerpräsident hier sein Prestigeprojekt: die „Allianz der Zivilisationen“. Es war der Versuch des „Zapaterismus“, eine Art laizistische Religion für die progressive Globalisierung zu schaffen und dem sogenannten „Kampf der Kulturen“ eine visionäre Diplomatie des Dialogs entgegenzusetzen. In einem Palma, das zunehmend zum Themenpark für internationale Eliten wurde, versammelte Zapatero den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, Diplomaten und Minister. Doch während auf diesen Foren über abstrakten Multikulturalismus debattiert wurde, erlebte die Insel selbst eine historische Umbruchphase, wie ein ausführlicher Bericht des katalanischen Senders TV3 bereits Jahre zuvor gewarnt hatte.
Die reale Transformation hinter den schönen Worten
Parallel zu den hochtrabenden Reden entdeckte internationales Kapital die Balearen endgültig als klimatischen, residenziellen und finanziellen Zufluchtsort. Immobilien verwandelten sich von Wohnraum in globale Assets, lokale Gehälter konnten mit importiertem Kontinentaleinkommen nicht mehr mithalten. „Der Mallorquiner begann zu verstehen, dass er in seinem eigenen Land zum Fremden wurde“, analysiert der Autor. Diese materiale Fragilität, so eine These des Artikels, sei der Nährboden für grandiosen ethischen Diskurs – eine fast physikalische Gesetzmäßigkeit westlicher Politik in der Globalisierung. Zapateros Projekt war nicht in der Tradition eines Ramon Llull verwurzelt, sondern glich eher einer globalen NGO, die rhetorische Konsense mit realem Wandel verwechselte.
Der Konflikt zwischen Symbolpolitik und Bodenhaftung
Während die „Allianz“ als diplomatische Struktur ohne echte Volksverbundenheit menschliche Leidenschaften zu bändigen suchte, gab es auf der Insel eine politische Stimme, die unbequemere, aber essentielle Themen ansprach: Francesc Antich, damals Präsident der Regionalregierung der Balearen. Für ihn wurde die Zukunft Mallorcas nicht in internationalen Zivilisationsforen entschieden, sondern am Flughafen Son Sant Joan. Er kämpfte für eine Mitverwaltung des Luftdrehkreuzes, weil er erkannte, dass jede neue Flugroute die Soziologie der Insel unwiderruflich veränderte – Löhne, Preise, Sprache, Demografie. „Er wusste, dass Flughäfen keine neutralen Infrastrukturen, sondern Sozialtransformationsmaschinen sind“, heißt es im Beitrag des „Diario de Mallorca“.
Im August 2008, nach einem Treffen in Palma, sagte Zapatero Antich sogar eine Übergangsphase von „zwei bis drei Jahren“ in Richtung Mitverwaltung zu. Doch diese Geschichte ist bekannt: Sie verlief im Sande. Stattdessen erhielt das symbolträchtige Allianz-Projekt in den Budgetverhandlungen von 2011, als die Krise bereits alles zu überrollen drohte, noch eine Budgeterhöhung von 33% und eine erste Transferzahlung von 1,5 Millionen Euro. Diese Entscheidung fiel am selben Tag, an der der Ministerrat Gehaltskürzungen für Beamte und einen Pensionsstopp beschloss – Maßnahmen, die Millionen seiner Wähler trafen.
Vom Hoffnungsträger zur Geisterfigur
Mallorca wurde so zum sentimentalen Laboratorium der großen Mutation des spanischen Sozialismus unter Zapatero. Hier verwandelte sich der einst als „guapo, guapo!“ bejubelte Politiker in eine geisterhafte Figur. Die Insel, die Schauplatz seines sentimentalen Internationalismus gewesen war, wurde selbst zum Symbol all der materialen Widersprüche, die sein politisches Modell nicht hatte ansehen wollen. Seine spätere Faszination für Länder wie Venezuela oder China war, so die Analyse, keine späte Abweichung, sondern das natürliche Schicksal einer globalisierten Politikerklasse, die immer weniger Kontrolle über reale Prozesse hat und sich deshalb umso obsessiver der Produktion moralischer Erzählungen widmet. Ein letztes, bedeutsames Treffen auf der Insel im Januar 2008 unterstrich diesen Weg: Gastgeber Zapatero empfing Angela Merkel, die damals bereits die Austeritätspolitik vorbereitete, die den spanischen sozialdemokratischen Mythos endgültig zerstören sollte.
Quelle: Diario de Mallorca
Quelle: diariodemallorca.es