Wenn das Zuhause zur Hölle wird

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Madrid

Wenn das Zuhause zur Hölle wird

von Sabine Keller

Flucht aus dem Backofen Wohnzimmer

Es ist ein Bild des schleichenden Versagens: In Madrid streifen Senioren dreimal täglich durch Supermärkte, nicht weil sie einkaufen müssen, sondern weil die Wohnung unerträglich geworden ist. Die 76-jährige Matilde Núñez flüchtet ins klimatisierte Mercadona – im vergangenen Jahr erlitt sie einen Hitzschlag. Sie ist kein Einzelfall. Im ganzen Land werden Bibliotheken, Fitnessstudios und Einkaufszentren zu improvisierten Notunterkünften, während zu Hause der Schatten allein nicht mehr kühlt. Der spanische Wetterdienst Aemet warnt: In den nächsten Tagen klettern die Temperaturen auf bis zu 44 Grad im Süden. Drei der heißesten Junitage seit Beginn der Aufzeichnungen liegen erst einen Monat zurück – und 73 Prozent der Bevölkerung waren laut Aemet einem Gesundheitsrisiko ausgesetzt.

Kühlung wird zum Luxusgut

Doch wer sich zu Hause klimatisieren will, muss tiefer in die Tasche greifen. Seit dem 1. Juni hat Madrid die Mehrwertsteuer auf Strom von 10 auf 21 Prozent hochgesetzt – zurück auf Normalniveau, wie es heißt. Zur gleichen Zeit, in der die Hitzewellen länger und brutaler werden: Von durchschnittlich drei Hitzetagen pro Jahr in den 1970ern ist die Zahl auf 22 Tage in der letzten Dekade gestiegen. Verdopplung bis 2100 in Aussicht. Die junge Pflegerin Mirella Condori, die in Madrid zwei Kinder betreut, sagt: „Wir nutzen die Klimaanlage viel – und das frisst immer mehr vom Gehalt.“ Die Politik redet von Entlastung, erhebt aber im Hochsommer die höchsten Stromabgaben. Das ist kein Versehen, das ist ein Armutszeugnis.

Die Gegenposition: „Eigenverantwortung“ statt Infrastruktur

Aus dem Umweltministerium hört man sonst nur Floskeln. Statt flächendeckender, öffentlicher Kühlungsräume verweist man auf die kommunalen „Refugios climáticos“ – in Madrid gerade einmal 31 Einrichtungen für eine Millionenstadt. Laut einer Greenpeace-Erhebung von 2025 haben erst 16 der 52 Provinzhauptstädte ein erkennbares Netz solcher Schutzorte. Barcelona immerhin 500; Madrid kratzt an der Untergrenze. Die Botschaft ist klar: Sorgt selbst für Kühlung – aber bezahlt den vollen Preis. Wer sich das nicht leisten kann, soll halt in die Bücherei gehen oder, wie die 35-jährige Carmen Almagro, sein Training ins klimatisierte Fitnessstudio verlegen. Mit Anfang zwanzig mag das gehen. Mit 76 nicht.

Warum die Debatte falsch läuft

Die Klimakrise ist längst eine soziale Frage. Wer vormittags im Supermarkt Schutz sucht oder nachts mit laufendem Aircon um den Schlaf kämpft, spürt, dass die viel beschworene „Anpassung“ an die Erderhitzung privatisiert wird – und schiefgeht. Die junge Generation trifft es ebenso: Student Enrique Ríos (19) kann zu Hause nicht lernen, weil die Hitze die Konzentration raubt. Er flüchtet in die Bibliothek. Miguel Martín (19) spricht aus, was viele fühlen: „Früher trafen wir uns draußen auf der Plaza. Heute – wenn’s keine Klimaanlage gibt, bleiben wir lieber zu Hause.“ Ironisch: Zu Hause wird es immer unerträglicher. Das Eigenheim, einst Rückzugsort, wird zur Gefahrenzone. Und die Regierung erhöht die Steuer auf die einzige Waffe dagegen.

Quelle: Aemet, Greenpeace-Bericht „Refugios Climáticos 2025“, 20minutos.es


Quelle: 20minutos.es