
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Weißer Gast in dunkler Höhle
Ein biologisches Rätsel im Mittelmeer
Wer glaubt, die Natur habe keine Überraschungen mehr parat, der irrt. Ausgerechnet in einer dunklen Erdhöhle auf der Isla de las Palomas vor Cartagena haben Experten einen Fund gemacht, der die Fachwelt aufhorchen lässt: ein Küken der Mittelmeer-Sturmtaucher (Calonectris diomedea), dessen Federkleid vollständig weiß ist, dessen Haut rosa schimmert und dessen Augen rot leuchten. Die Diagnose der Biologen ist eindeutig: reiner okulokutaner Albinismus – eine absolute Rarität.
Ein Volltreffer für die Wissenschaft
Das Team der Direktion für Naturerbe und Klimaschutz entdeckte das Tier während der regulären Überwachungs- und Beringungskampagne für Seevögel im Jahr 2026. Der Fund in dem unterirdischen Nest ist der erste wissenschaftlich bestätigte Fall dieser Art in einer spanischen Brutkolonie des Meeresvogels. Wichtig ist die Unterscheidung zum sogenannten Leuzismus, bei dem nur Teile des Gefieders ihre Pigmentierung verlieren, die Augen aber dunkel bleiben. Hier jedoch fehlt das Pigment Melanin vollständig. Der kleine Vogel ist ein genetisches Unikat – und ein potenziell gefährdetes dazu.
Überlebenskampf im offenen Ozean
So faszinierend der Anblick für Forscher sein mag, so sehr offenbart der Gendefekt die unbarmherzige Härte des Überlebenskampfes. Sturmtaucher verbringen fast ihr gesamtes Leben auf dem offenen Meer. Der fehlende Farbschutz macht die Tiere nicht nur anfälliger für Sonnenlicht und Sehstörungen. Das entpigmentierte Gefieder verliert an Stabilität – ein massiver Nachteil angesichts von salzigem Gischt, starkem Wind und rauer See. Die Überlebenschancen des weißen Küken sind naturgemäß schwer einzuschätzen.
Dennoch: Die Behörden geben sich optimistisch. Das Tier wurde mit einer metallenen Ringmarke versehen und in der internationalen Datenbank EURING registriert. Sollte das Küken den Schritt ins Erwachsenenalter schaffen und im Oktober seinen Jungfernflug antreten, könnte jede künftige Sichtung wertvolle Daten über Zugrouten und Verhalten liefern. „Die Priorität liegt nun darin, das wissenschaftliche Monitoring fortzusetzen und alle Informationen zu sammeln, die die Ringmarke in der Zukunft preisgibt“, erklärte Inmaculada Torres, die Generaldirektorin für Naturerbe und Klimaschutz.
Die Insel, die als Vogelschutzgebiet und Teil der Meeresschutzzone Cabo Tiñoso gilt, beherbergt die einzige Brutkolonie der Art in der Region Murcia. Seit 2017 wird sie kontinuierlich beobachtet. Das Projekt, das von der Europäischen Union mitfinanziert wird, zeigt einmal mehr: Die Natur schreibt ihre eigenen Geschichten – und manchmal sind sie weiß wie Schnee.
Basierend auf einem Bericht von Europa Press.
Quelle: europapress.es