Fibromyalgie: Wenn der Körper ständig Alarm schlägt

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

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Fibromyalgie: Wenn der Körper ständig Alarm schlägt

von Sabine Keller

Sie putzt sich heraus, trägt ein wenig Make-up – und schon glauben die Kollegen, es gehe ihr blendend. Die Realität der 54-jährigen Lourdes Monjil sieht anders aus. Ihre Stimme ist ein heiseres Flüstern, ihr Körper ein einziger Schmerzpunkt. Seit vier Jahren lebt die Katalanin mit der Diagnose Fibromyalgie, einem chronischen Schmerzsyndrom, das unsichtbar ist und doch ihr gesamtes Leben bestimmt.

Die Krankheit gleicht einem defekten Alarmsystem, wie es der Rheumatologe Antonio Collado, Präsident der spanischen Fachgesellschaft Sefifac, beschreibt. Das Nervensystem sendet permanent Schmerzsignale an das Gehirn, obwohl keine organische Verletzung vorliegt. Betroffen sind zu 90 Prozent Frauen – mit einer spezifischen molekularen Verarbeitung von Schmerzreizen, die in der medizinischen Forschung lange ignoriert wurde, so Collado.

Monjil durchlief die übliche Leidensstation vieler Betroffener. Der Hausarzt verschrieb ihr zunächst Antidepressiva – ein Reflex, den sie bis heute nicht versteht. Erst ein Traumatologe stellte ein Jahr später die korrekte Diagnose. In der Zwischenzeit hatte sie ihre Arbeit in der Bäckerei eines Supermarkts in L’Hospitalet de Llobregat nur noch unter Qualen verrichten können. Kälte und körperliche Belastung hatten die Symptome verschlimmert. Längst wurde sie in den Kassenbereich versetzt, wo zwei Schilder die Kunden darauf hinweisen, dass sie nicht sprechen kann.

Doch für die Kollegen ist ihr Zustand nicht fassbar. „Wie schön, dass du hier sitzen kannst“, hört sie dann, oder: „Kannst du nicht auch etwas anderes tun?“. Die Unfähigkeit der Gesellschaft, unsichtbare Krankheiten zu akzeptieren, trifft Monjil hart. „Ich habe 40 Jahre hier gearbeitet, ich habe genug geleistet“, kontert sie dann müde.

Ihre größte Demütigung aber erlebte sie vor den Ärzten der spanischen Sozialversicherung (INSS). Drei Mal wurde ihr Antrag auf Erwerbsunfähigkeit abgelehnt. Bei der letzten Untersuchung bat sie, ihren Mann mitbringen zu dürfen, weil sie kaum sprechen kann. Die Ärztin, so Monjil, habe sie keines Blickes gewürdigt, stattdessen ihre heisere Stimme imitiert und gelacht. Bewegungen wie das Heben der Arme ließ sie sie demonstrieren – „lauter Unsinn, den man natürlich noch kann“. Wenige Tage später kam der Bescheid: Sie sei arbeitsfähig. Nächstes Jahr steht ein weiterer Prozess an.

Die spanische Patientenvereinigung Confesq kämpft seit Jahren für ein Umdenken. Sie drängt auf eine Aktualisierung der Bewertungsrichtlinien für den Behinderungsgrad. Denn solange Ärzte und Gutachter auf sichtbare Befunde wie Röntgenbilder angewiesen sind, werden Patienten wie Lourdes Monjil im Stich gelassen. Die Krankheit findet im Gehirn statt, nicht auf einem Scan.

Wie 20minutos berichtet, hat Lourdes Monjil ihre Geschichte über die Leser-Community Ciudadano20 an die Zeitung herangetragen.


Quelle: 20minutos.es