
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Das einsame Leben des spanischen Wolfskindes
Ein Leben zwischen zwei Welten
Am vergangenen Samstag starb in Orense (Galicien) ein Mann, der als einer der wenigen dokumentierten Fälle eines "Wolfskindes" in Spanien galt. Marcos Rodríguez Pantoja wurde 80 Jahre alt. Zwölf dieser Jahre verbrachte er in völliger Isolation in der Sierra Morena, in Gesellschaft von Wölfen. Diese Zeit beschrieb er später als die glücklichste seines Lebens – eine Aussage, die angesichts seiner späteren Erfahrungen mit Menschen wenig überrascht.
Wie die spanische Zeitung 20 Minutos berichtet, wurde Rodríguez Pantoja in Añora (Córdoba) geboren. Seine Mutter starb bei der Geburt ihres achten Kindes, als er erst drei Jahre alt war. Sein Vater heiratete erneut, doch die Stiefmutter misshandelte ihn von Anfang an. In der Nachkriegszeit zog die Familie nach Fuencaliente, mitten in die Sierra Morena. 1963, im Alter von sechs Jahren, verkaufte ihn sein Vater an einen Viehzüchter. Dieser schickte den Jungen zu einem Ziegenhirten, der in einer Höhle hauste.
Adoption durch ein Wolfsrudel
Zwei Jahre später starb der Hirt. Das Kind blieb allein in der Bergwelt zurück. Ein Wolfsrudel nahm sich des verwaisten Jungen an – ein Ereignis, das Rodríguez Pantoja später oft schilderte. "Der erste Kontakt, an den ich mich erinnere, ist, dass ich mit den Welpen einschlief", sagte er 2010 in einem Interview mit dem spanischen Rundfunk RNE. Er lernte, sich in der Natur zurechtzufinden, kommunizierte durch Laute und Heulen und entwickelte ein erstaunliches Verständnis für die Tiere. "Ich lebte mit den Wölfen wie ein Familienmitglied", erklärte er.
Seine Schilderungen wirken beinahe idyllisch: Er fischte im Fluss, fing Kaninchen oder rief die Wölfe, indem er heulte – sie trieben ihm das Wild zu. "Ich versteckte mich im Wasser, und die Wölfe brachten mir die Beute", erzählte er Jahre später dem Fernsehsender TVE.
Zwangsweise Rückkehr in die Zivilisation
1965, im Alter von 19 Jahren, wurde Rodríguez Pantoja von der Guardia Civil aufgespürt. Da er heulte und biss, fesselten und knebelten ihn die Beamten. Er wurde nach Fuencaliente gebracht. Eine Anklage gegen seinen Vater gab es nie – dieser warf ihm lediglich vor, eine Jacke verloren zu haben.
Die Kirche übernahm die Re-Sozialisierung: Nonnen und ein Priester lehrten ihn sprechen, gehen, sich kleiden und mit Besteck essen. Doch niemand fragte, ob dies sein Wunsch war. "Mir ging es gut. Ich kannte kein Geld, aber mir fehlte nie an Nahrung", betonte er später.
Nach einem Aufenthalt in einem Madrider Krankenhaus schickte man ihn nach Mallorca, wo er in einem Hostel arbeitete, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es folgten Militärdienst und Arbeit als Hirt – doch die Begegnungen mit Menschen enttäuschten ihn durchweg. Er wurde betrogen, ausgenutzt und verstand weder die sozialen Normen noch die Menschen.
Ein Leben mit Widersprüchen
Arturo Arcones, ein Freund und Arbeitskollege aus späteren Jahren, beschrieb Rodríguez Pantoja als "naiv" und "kindlich". Er habe Erwachsenen misstraut, sei aber zu Kindern liebevoll gewesen. Seine Sprache habe er nie vollständig beherrscht. "Er war ein Mowgli aus Spanien", sagte Arcones – "eine Person aus Erde, Wind, Regen, Nestern und Jagd." In Vorträgen, zu denen ihn Gemeinden und Organisationen einluden, appellierte er an Kinder: "Streichelt eure Haustiere mehr; sie brauchen Zuneigung, nicht nur Strom."
Nach Stationen in Fuengirola und einem Höhlenleben zog er nach Rante, einem Ort in Galicien. Dort nahm ihn der pensionierte Polizist Manuel Barandela auf, den er liebevoll "Chef" nannte. Die Dorfbewohner zweifelten zunächst an seiner Geschichte. Nach Barandelas Tod fand er eine niederländische Patenfamilie. "Ich habe mich an dieses Leben gewöhnt, auch wenn es schlechter ist als das andere", sagte er mehrfach.
Ein Fall, der die Forschung faszinierte
Sein Schicksal wurde zum Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit. Der Professor Gabriel Janer Manila von der Universität der Balearen verfasste eine Doktorarbeit über ihn, die später als Buch unter dem Titel He jugado con lobos ("Ich habe mit Wölfen gespielt") erschien. Sein Leben diente auch als Inspiration für Film und Literatur.
Marcos Rodríguez Pantoja starb am Samstag. Seine Freunde verabschiedeten ihn am Sonntag in Rante. Sein Wunsch, ein Leben fernab der Menschen zu führen, hatte er nie ganz aufgegeben – die Erinnerung an die Jahre mit den Wölfen blieb sein kostbarstes Gut.
Quelle: 20minutos.es