
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Wenn Tradition zur Staatskunst wird
Glaube, Politik und Pflanzendekor
Die "Geperudeta", die geliebte Jungfrau der Schutzlosen, wurde wieder durch die Straßen von Valencia getragen. Eine Prozession, wie sie jedes Jahr stattfindet – ein Fest des Glaubens, der Tradition und, wie ich behaupten muss, der staatlich-klerikalen Selbstdarstellung. Die Bilder sind idyllisch: Eine Regen von Blütenblättern von den Balkonen, kunstvolle florale Dekorationen, eine neu komponierte Prozessionsmarsch. Doch unter dieser pittoresken Oberfläche liegt ein Arrangement, das mir als Bürger einer demokratischen Republik schwer im Magen liegt.
Die höchsten kirchlichen Würdenträger, angeführt vom Erzbischof Enrique Benavent, marschierten an der Spitze. Ihnen folgte, in einer kaum übersehbaren Demonstration der Einheit von Thron und Altar, die erste Vizepräsidentin der Regionalregierung, Susana Camarero, und die Bürgermeisterin María José Catalá mit einem Großteil des Stadtrats. Diese Inszenierung ist kein Zufall. Sie ist eine perfekt choreografierte Botschaft: Hier, im Zentrum der Macht, ist die Kirche untrennbar mit dem Staat verbunden.
Eine Frage der öffentlichen Rolle
Wer argumentiert, dass dies lediglich ein Ausdruck der Volkskultur sei, ignoriert die politische Dimension. Die Prozession folgte einem klassischen Weg durch die historischen Machtzentren: Von der Plaza de la Virgen, über den Tossal, den Mercado Central, die Plaza de la Reina. Sie durchquerte symbolisch die Stadt wie eine Herrscherin. Die Dekorationen, die teuren floralen Installationen und sogar der neue, speziell für die Prozession komponierte Marsch – eine Auftragsarbeit der Real Basílica – unterstreichen den offiziellen, fast staatstragenden Charakter des Ereignisses. Es wird nicht einfach gefeiert; es wird investiert und institutionalisiert.
Die Frage, die sich mir stellt, ist nicht die der religiösen Freiheit. Jeder soll seinen Glauben privat und öffentlich praktizieren können. Doch wenn eine religiöse Prozession de facto zu einem halb-staatlichen Akt wird, mit voller politischer Prominenz und öffentlichen Ressourcen, gerät das Prinzip der Neutralität des Staates in Gefahr. Valencia ist eine diverse, moderne Metropole. Ein Fest, das so eindeutig von der katholischen Kirche und den politischen Institutionen gemeinsam dominiert wird, sendet ein exklusives Signal.
Gegenargumente und mein Standpunkt
Natürlich gibt es die Gegenposition: Dies ist die Tradition der Stadt, die Identität der Valencianer. Die Schutzheilige ist ein kulturelles Symbol, das weit über den Glauben hinausgeht. Die Politiker sind dort als Repräsentanten des Volkes, das dieses Fest liebt. Diese Argumente haben ihre Berechtigung. Doch Tradition darf nicht eine kritische Reflexion über ihre heutige Form und Wirkung ausschließen.
Meine These bleibt: Ein Fest, das in seinem Kern religiös ist, sollte nicht zur Plattform für die Demonstration politisch-klerikaler Einheit werden. Die Präsenz der gesamten politischen Elite in einer solch herausgehobenen Rolle verwischt die notwendige Grenze zwischen Staat und Konfession. Es ist ein Bild, das eher in eine vergangene Epoche passt als in eine plurale, säkulare Gesellschaft.
Die Quellen, darunter Berichte von Europa Press, dokumentieren die Ereignisse und die prominente Rolle der Autoritäten. Doch sie beschreiben meist nur. Ich analysiere und kritisiere. Denn eine Stadt, die wirklich für alle ist, sollte auch darüber nachdenken, wie sie für alle feiert.