Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Die Kunst der Inszenierung in der Katastrophe
Die Botschaft zählte mehr als die Rettung
Es ist ein Dokument der peinlichen Berührungsangst vor der Realität. Die nun gerichtsnotorischen WhatsApp-Nachrichten aus dem Krisenstab der valencianischen Regionalregierung am Tag der verheerenden DANA-Sturzfluten vom 29. Oktober 2024 zeichnen das Bild einer Führungsriege, für die die Inszenierung der Kontrolle offenbar Priorität vor der Kontrolle der Lage hatte. Die Ermittlungsrichterin des Instrucción-Gerichts Nummer 2 von Catarroja hat diese Chat-Verläufe, freiwillig von Vizepräsidentin Susana Camarero vorgelegt, nun offiziell den Akten des Ermittlungsverfahrens hinzugefügt. Ein Schritt, der die politische Dimension dieser Justizaffäre weiter verschärft.
Wie aus den von Europa Press veröffentlichten Protokollen hervorgeht, ging es dem damaligen President der Generalitat Valenciana, Carlos Mazón, in der akuten Notsituation vor allem um eines: mediale Präsenz. “Vamos a inundar de datos a los medios hoy, vale?” – “Wir werden die Medien heute mit Daten überschwemmen, okay?” Diese zynisch anmutende Aufforderung, gesendet, während sich die realen Wassermassen unkontrolliert ihren Weg bahnten, entlarvt den Geist dieser Kommunikation. Der Zweck dieser Datenflut war laut Mazóns eigenen Worten klar: Es “verströme ein verdammtes Gefühl von Alarmbereitschaft. Und das beruhigt die Leute. Das ist das Wichtige.”
Ein Regierungs-Chat als Protokoll des Versagens
Die Chronologie des Chats, den die Richterin nun gesichtet hat, liest sich wie das Protokoll einer sich anbahnenden Katastrophe, der man mit PR-Maßnahmen begegnen wollte. Während Mazón früh morgens zur “Detailverliebtheit” als Imagepflege aufrief, meldeten seine Minister nach und nach immer dramatischere Vorfälle: ein eingeschlossener Zug in Picassent, überflutete Seniorenheime, in denen die Feuerwehr nicht mehr ankommen konnte, 30 Personen in der Straßenbahn-Zentrale eingeschlossen, komplett ausgefallene U-Bahn- und Tram-Verkehre, isolierte Krankenhäuser in Alzira und Requena sowie “zahllose” überflutete Gesundheitszentren.
Doch die Reaktion der Regierungsspitze darauf? Die Aufforderung, weiter “teilweise Daten” zu liefern, um das Bild der Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Die erschütternde Diskrepanz zwischen den geschönten Kommunikationsanweisungen und den verzweifelten Lagebildern aus den betroffenen Gemeinden der Ribera Alta oder um Riba-roja spricht Bände. Es ist der klare Beweis für eine verhängnisvolle Prioritätensetzung: Statt alle Kräfte auf Koordination und Rettung zu konzentrieren, wurde wertvolle Zeit und Energie auf die Kuratierung einer “Gefühlslage” verwendet.
Eine freiwillige Geste unter Druck
Die Art und Weise, wie diese belastenden Nachrichten überhaupt ans Tageslicht kamen, ist dabei ebenfalls bezeichnend. Vizepräsidentin Camarero lieferte sie erst nach einem Antrag einer Prozessbeteiligten und einem richterlichen Hinweis auf die Möglichkeit der freiwilligen Herausgabe ab – und das nach anfänglicher Weigerung. Diese zögerliche “Kooperationsbereitschaft” unterstreicht nur, welch politischen Sprengstoff diese Chat-Historie birgt. Die Richterin hat klug gehandelt, dieses digitale Protokoll des Krisenmanagements nun zum zentralen Beweisstück zu erheben. Es ist nicht nur eine Sammlung von Nachrichten, es ist das authentische Stenogramm einer Regierungsmentalität in der Krise.
Die Causa um die DANA-Katastrophe ist damit endgültig im Kern angekommen. Es geht nicht mehr nur um mögliche persönliche Verfehlungen Einzelner, wie die bereits von Mazón entlassene Ministerin Nuria Montes. Es geht um die systematische Frage, ob die oberste Führungsebene der Region ihre primäre Aufgabe – den Schutz der Bevölkerung – zugunsten von Imagepflege und Schadensbegrenzung für das eigene politische Kapital vernachlässigt hat. Die Nachrichten belegen: Die Sorge um den Schein war akuter als die Sorge um die in ihren Häusern, Zügen und Krankenhäusern Eingeschlossenen.
Quellen: Europa Press, Akten des Instrucción-Gerichts Nr. 2 von Catarroja (Valencia), Providencia vom 11. Juni 2025.
Quelle: europapress.es