Wenn Krawalle zum Ritual werden

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Manresa

Wenn Krawalle zum Ritual werden

von Redaktion3 Min. Lesezeit

Die Spur der Steine

Es ist ein Déjà-vu mit Ansage: Eine Schülerdemonstration endet in Manresa, einer Industrie- und Ausbildungsstadt im Umland von Barcelona, nicht mit Reden und Resolutionen, sondern mit Steinen, brennenden Mülleimern und einem geplünderten Supermarkt. Die Bilanz der Mossos d'Esquadra liest sich wie das Protokoll einer entgleisten Jugendrevolte: 15 Festnahmen gegen 14 Personen wurden registriert, allein 13 der Beschuldigten sind minderjährig – zwischen 14 und 17 Jahren. Zwei sind so jung, dass sie strafrechtlich nicht verfolgt werden können.

Die Fakten, die die Polizei am Donnerstag mitteilte, sind ernüchternd: Am Rande der Kundgebung am 21. Oktober flogen Steine gegen Beamte und Polizeifahrzeuge, öffentliche Gebäude wurden beschädigt. Ein Minderjähriger wurde wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt festgenommen. Doch damit nicht genug: Eine Gruppe Jugendlicher raubte gewaltsam andere Demonstrierende aus, ein weiterer Beteiligter entwendete einem Lieferboten ein Paket. Als die eigentliche Versammlung längst vorbei war, zog ein mobiler Trupp weiter durch die Straßen, verwüstete Stadtmöbel, zündete Papierkörbe an und hinterließ eine Spur aus Graffiti und eingeschlagenen Schaufenstern. In einem Supermarkt kippten die Jugendlichen Regale um und nahmen Waren mit. Das ist keine Demonstration mehr. Das ist Aneignung von Raum durch Zerstörung.

Ein strukturelles Problem, kein Betriebsunfall

Nun wäre es bequem, den Vorfall als jugendlichen Exzess abzutun, als bedauerliche Entgleisung einer ansonsten legitimen Protestkultur. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Bereits am Tag der Ausschreitungen nahmen Mossos und die städtische Guàrdia Urbana acht Verdächtige fest. Die anschließenden Ermittlungen führten zu sechs weiteren Festnahmen zwischen dem 2. und 3. November. Ein 19-Jähriger ist unter den Beschuldigten, elf Jungen und drei Mädchen. Und einer der Minderjährigen wurde nur drei Tage später, am 24. Oktober, erneut bei Ausschreitungen in Barcelona festgenommen. Wer hier von einem einmaligen Ausrutscher spricht, verkennt die Wiederholungsstruktur: Es handelt sich um ein Milieu, in dem Gewalt als Ventil und Gruppen dynamik als Verstärker wirkt.

Die katalanische Politik hat dafür bislang vor allem zwei Antworten: die Betonung der Jugend als schützenswerte Gruppe und den Verweis auf Präventionsprogramme. Beides ist richtig, aber unvollständig. Denn die Verantwortung endet nicht beim ersten Stockwerk der Ursachenforschung. Wenn Minderjährige in organisierten Gruppen Supermärkte plündern und Rettungskräfte attackieren, dann ist das kein pädagogisches Problem allein. Es ist ein ordnungspolitisches, das nach klaren Grenzen ruft – und nach einer Justiz, die auch für 14-Jährige Handlungsspielräume kennt. Das spanische Jugendstrafrecht mag auf Erziehung setzen; es darf aber nicht den Eindruck erwecken, als blieben Krawalle ohne spürbare Konsequenzen. Die beiden als „nicht zurechnungsfähig“ eingestuften Kinder sind kein Freibrief für die Eltern, die hier ihrer Aufsichtspflicht nachkommen müssen.

Die offene Flanke der Protestkultur

Man muss es deutlich sagen: Der legitime Protest gegen Bildungspolitik oder soziale Missstände wird durch solche Exzesse diskreditiert. Die Täter schaden jenen, die friedlich für ihre Anliegen auf die Straße gehen, und sie liefern jenen Wasser auf die Mühlen, die jede Jugendbewegung pauschal als Sicherheitsrisiko abstempeln. Wer die Krawalle relativiert, schützt nicht die Jugend – er schützt die Gewalt. Die Polizei hat mit der Aufklärung der Taten eine wichtige Arbeit geleistet, doch die eigentliche Aufgabe liegt bei Politik und Gesellschaft: Es braucht eine Debatte darüber, warum ein Teil der nachwachsenden Generation Zerstörung als Ausdruck von Politik begreift und wie man dieser Fehlprägung begegnet, ohne die berechtigten Anliegen junger Menschen pauschal zu verwerfen. Das ist anstrengend, aber unausweichlich. Die Alternative wäre, weiterhin Steine auf die Straße zu kehren und zu hoffen, dass es beim nächsten Mal besser wird. Dieser Hoffnung fehlt jede Grundlage.

Die Mossos d'Esquadra haben die Ermittlungen abgeschlossen. Die politische Aufarbeitung in Manresa und Katalonien hat noch nicht begonnen. Sie ist überfällig.

Quellen: Europa Press (Pressemitteilung der Mossos d'Esquadra, 5. November 2026)


Quelle: europapress.es

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