
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Virenparadies auf Luxuslinern
Ein perfektes Biotop für Pathogene
Die Bilder von weiß gekürzten Luxuslinern auf azurblauem Meer gehören zur kollektiven Vorstellung von unbeschwertem Urlaub. Doch diese schwimmenden Paläste sind, epidemiologisch betrachtet, etwas ganz anders: Hochrisiko-Zonen für Infektionskrankheiten. Nach dem massiven Covid-19-Bruch auf der Diamond Princess im Februar 2020 haben zwei weitere Schiffe jüngst tragische Nachrichten produziert: Auf dem MV Hondius erkrankten Passagiere an Hantavirus, drei Menschen starben. Auf einem Kreuzfahrtschiff in Bordeaux erlag ein 91-Jähriger einem Norovirus. Die Gemeinsamkeit ist nicht der Erreger, sondern der Ort. Die Schlussfolgerung der Experten ist klar: Kreuzfahrtschiffe sind, aufgrund ihrer spezifischen Bedingungen, ideale Brutkästen für Krankheiten.
Enge, Rotation und "captive population"
Was macht einen Luxusdampfer so gefährlich? Es ist die Kombination aus mehreren Faktoren, die jede Gesundheitsbehörde alarmieren sollte. Wie Pello Latasa, Vizepräsident der Spanischen Gesellschaft für Epidemiologie (SEE), gegenüber 20minutos erläutert, sind die entscheidenden Merkmale die „enge Gemeinschaft in geschlossenen und überfüllten Räumen“. Diese hohe Kontaktdichte in Gemeinschaftsbereichen schafft die perfekten Voraussetzungen für die Übertragung ansteckender Krankheiten, insbesondere respiratorischer oder digestiver. Engpassagen und die spezielle Management der Ventilationssysteme können die Verbreitung bestimmter Pathogene zusätzlich befördern.
Salvador Peiró, Epidemiologe bei der Forschungsstiftung Fisabio, ergänzt weitere „Umstände“: Viel Bevölkerung in geschlossenen Räumen, hohe Rotation von Passagieren unterschiedlicher Nationalitäten, lange gemeinsame Unterbringung, die Massenmanipulation von Essen und Utensilien für Tausende, gemeinsam genutzte Oberflächen, Umweltübertragung und geschlossene Kabinen, die auf Klimaanlagen angewiesen sind. Hinzu kommt die demographische Zusammensetzung: viele ältere Menschen und viele verschiedene Häfen. Peiró bringt es auf einen prägnanten Punkt: Es handelt sich um eine „captive population“ – eine gefangene Bevölkerung – in Zonen mit gemeinsamer Aktivität (Restaurants, Freizeitbereiche, Gruppentouren). Eine einzige Infektionsquelle kann daher eine große Zahl Menschen innerhalb kurzer Zeit treffen, was zu einer simultanen Explosion sekundärer Fälle führt.
Unterschiedliche Erreger, gleiches Problem
Die aktuelle Serie von Brüchen zeigt, dass das Problem nicht auf ein bestimmtes Virus beschränkt ist. Das Hantavirus auf dem MV Hondius, dessen Ausbruch vermutlich auf einen Kontakt mit Nagern in Ushuaia (Argentinien) vor der Einschiffung zurückging, ist ein schweres, durch Exkremente übertragenes Leiden. Der Norovirus-Bruch in Bordeaux hingegen ist ein klassischer Fall von viralem Gastroenteritis, oft mit der Nahrung verbunden. Wie Peiró erklärt, sind Norovirus-Brüche „relativ einfach“ zu kontrollen auf einem Schiff, wo „nicht jeder sich ansteckt“. Erkrankte isolieren sich oft selbst, weil sie nahe einer Toilette bleiben müssen. Sie sind laut Peiró „auffällig, weil sie viele Personen gleichzeitig betreffen können, aber nicht problematisch, außer wenn jemand mit geschwächter Gesundheit beteiligt ist“.
Der spanische Gesundheitsstaatssekretär Javier Padilla betonte in einer Interview mit RNE, dass beide Brüche zwar im „gleichen Kontext und gleichen Szenario, einem Kreuzfahrtschiff“, auftraten, aber in Bezug auf „Schwere, Risiken und Kapazität“ „vollständig verschieden“ sind. Er bestätigte jedoch die Grundanalyse: Ein Kreuzfahrtschiff stellt „ein ideales Szenario der Übertragung, besonders für diesen Typ von Infektionen“ dar.
Kontrolle: Monitoring und internationale Regeln
Die Branche ist sich der Risiken bewusst und hat Mechanismen entwickelt. Peiró erinnert daran, dass Kreuzfahrtschiffe medizinische Dienstleistungen haben, die „monitorisieren und leichter Fälle detektieren, die in anderen Situationen vielleicht nicht zum Arzt gehen würden“. Der internationale Rahmen dafür ist das Internationale Gesundheitsregulament (IGR), unter Führung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Wie Latasa erklärt, muss der Kapitän vor dem Anlegen in einem Hafen den Gesundheitszustand an Bord via der Maritimen Gesundheitsdeklaration (MGD) melden. Dieses Dokument, bestätigt durch den Schiffsarzt, ermöglicht den Gesundheitsautoritäten im Hafen, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.
Das ändert nichts an der grundlegenden Gefährlichkeit des Milieus. Die Kreuzfahrtindustrie verkauft Traumreisen, aber Epidemiologen sehen darin ein realistisches Trainingsfeld für pandemische Dynamiken. Die hohe Passagierdichte auf engem Raum, die globale Rotation und die gemeinsamen Oberflächen bleiben – sie sind das inhärente Design des Kreuzfahrterlebnisses. Das nächste Bruch, sei es respiratorisch, digestiv oder zoonotisch, ist, in dieser Umgebung, statistisch fast eine Garantie.
Quellen: Statements von Pello Latasa (Vizepräsident der Spanischen Gesellschaft für Epidemiologie) und Salvador Peiró (Epidemiologe, Fisabio) gegenüber 20minutos; Interview mit Javier Padilla (Staatssekretär für Gesundheit) auf RNE; Daten und Rahmen des Internationalen Gesundheitsregulaments (WHO).
Quelle: 20minutos.es