Flucht in die Nähe

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Spanien

Flucht in die Nähe

von Sabine Keller

Die Illusion des Booms

Die spanische Reiselust lebt – aber sie lebt vor allem in der Komfortzone. Zwischen Januar und Mai 2025 verzeichnete das Instituto Nacional de Estadística (INE) 13,7 Millionen Auslandsreisen von in Spanien lebenden Personen, ein Anstieg von 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wer diese Zahl als Zeichen unbändiger Abenteuerlust feiert, übersieht das entscheidende Detail: Neun von zehn Reisen führten innerhalb Europas. Die Ausflüge nach Afrika brachen um 9,7 Prozent ein, nach Amerika sogar um 15,1 Prozent. Asien und Ozeanien sind statistisch kaum noch messbar. Das ist kein Aufbruch, das ist Rückzug.

Die Flucht ins Vertraute

Die Begründung der Statistiker ist ebenso ehrlich wie entlarvend: „Incertidumbre geopolítica internacional“ – die Unsicherheit durch den Iran-Krieg und die globale Krisenlage. Die Spanier flüchten nicht in die Ferne, sie flüchten in die Nachbarschaft. Portugal, Frankreich, Italien, Großbritannien und Deutschland dominieren die Rangliste. Einzig Marokko schafft es als außereuropäisches Ziel unter die Top Ten – und das nur, weil es geografisch vor der Haustür liegt. Was die Reisebranche als Erfolg verkauft, ist in Wahrheit ein Armutszeugnis: Aus Angst vor dem Unbekannten kuschelt sich der spanische Tourist in den vertrauten Westen.

Der Inlandstourismus als lahmer Retter

Parallel dazu zeigt der Inlandstourismus zaghaftes Lebenszeichen. Im Mai 2025 stiegen die inner-spanischen Reisen um 8,5 Prozent, und die kumulierten Zahlen von Januar bis Mai liegen mit rund 60 Millionen knapp unter dem Vorjahreswert. Andalusien und Katalonien ziehen je rund ein Fünftel der nationalen Gäste an. Wohl gemerkt: Es ist eine Erholung von einem Tiefpunkt, der durch monatelange Rückgänge von bis zu 14,3 Prozent verursacht wurde. Die „Erholung“ ist ein Wiedereinsetzen des Normalzustands, kein Aufbruch.

Kein Grund zur Entwarnung

Die Zahlen des INE zeigen eine Gesellschaft, die sich selbst belügt. Die Spanier reisen mehr – aber nur, weil sie sich nicht mehr trauen, weiter zu reisen. Der angebliche Boom ist ein Schrumpfen des Horizonts. Wer jetzt auf die Statistik verweist, um die Reiselust zu preisen, verkennt die Realität: Die spanischen Urlauber ziehen sich in die vertraute, sichere Blase Europas zurück. Und das ist kein Grund zum Feiern, sondern zur Besorgnis.

Wie das INE in seiner aktuellen Erhebung dokumentiert, erfasste die Statistik die Bewegungen der spanischen Residenten anhand ihrer Mobilfunkdaten. Die Daten lügen nicht – sie offenbaren eine kollektive Verunsicherung, die sich hinter dem Etikett „Reiselust“ tarnt.


Quelle: 20minutos.es