Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Valencia verspielt seinen Klang
Ein Festival stirbt nicht leise. Es geht mit einem Knall unter, der das Vertrauen einer ganzen Branche und einer Stadt erschüttert. Genau das geschah in Valencia, als das Festival de les Arts Minuten vor der geplanten Eröffnung abgesagt wurde. Was für manche nur ein enttäuschter Samstagabend war, ist in Wahrheit ein symptomatischer Tiefschlag für eine Kulturpolitik, die offenbar mehr auf schöne Prospekte setzt als auf solide Strukturen. Die harsche Realität: Valencia hat nicht nur ein Event gecancelt, sondern seine eigene Glaubwürdigkeit.
Ein Desaster mit Ansage – und tiefen Wunden
Die Absage ist kein Betriebsunfall. Sie ist der logische Endpunkt einer Planungskultur, die von kurzfristigem Aktionismus geprägt ist. Die Veranstalterverbände MusicaProCV und Promfest sprechen in einer gemeinsamen Stellungnahme von einem “harten Schlag für das Image Valencias”. Das ist untertrieben. Es ist ein Offenbarungseid. Wie sollen internationale Künstler, Touristen und Investoren einer Stadt vertrauen, die nicht in der Lage ist, ein etabliertes Großevent zu garantieren? Die enttäuschten Künstler, von Violeta bis Carlos Sadness, die in den sozialen Medien ihre “Ohnmacht” und “enorme Traurigkeit” bekundeten, sind nur die sichtbarste Spitze des Eisbergs.
Denn das eigentliche Drama spielt sich im Verborgenen ab. Hinter der Bühne stehen Tausende Existenzen: Techniker, Catering-Personal, Sicherheitsdienste, Fahrer, Kulissenbauer. Für sie bedeutet die Absage nicht Enttäuschung, sondern leere Kassen. Die Branche verweist hier auf handfeste Zahlen aus dem Anuario de la Música en la Comunitat Valenciana: Die Live-Musik-Branche generiert in der Region jährlich etwa 400 Millionen Euro zum BIP und sichert über 12.500 Vollzeitstellen. Ein Wirtschaftsfaktor von der Größe der Textil- oder Möbelindustrie wird hier leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Das ist nicht nur kulturpolitische Fahrlässigkeit, es ist wirtschaftlicher Irrsinn.
Der falsche Streit: Kultur gegen Verwaltung
In der anschließenden Debatte wird schnell der alte, müde Grabenkampf beschworen: die kreative, lebendige Kulturszene gegen die bürokratische, verhindernde Verwaltung. Doch dieses Narrativ geht am Kern vorbei. Es geht nicht um “mehr” oder “weniger” Kultur. Es geht um die Frage, ob eine Stadt wie Valencia bereit ist, Kultur als systemrelevante Infrastruktur zu begreifen.
Die Forderungen der Veranstalter sind daher alles andere als revolutionär, sondern schlicht vernünftig: ein stabiler Dialog zwischen Behörden und Branche, eine langfristige Raumplanung für Veranstaltungsorte und vor allem Rechtssicherheit. Kulturpolitik darf nicht im Klein-Klein von Genehmigungsverfahren und plötzlichen Auflagen ersticken. Ein Festival ist mehr als Unterhaltung; es ist, wie die Verbände zurecht betonen, ein “Raum der Schaffung, Begegnung und sozialen Kohäsion”. Wenn diese Räume willkürlich geschlossen werden, verliert die Stadt ein Stück ihrer Identität.
Valencia steht an einem Wendepunkt. Man kann die Absage des Les Arts Festivals als bedauerlichen Einzelfall abtun und zur Tagesordnung übergehen. Oder man begreift sie als Weckruf. Die Wahl ist einfach: weiterhin nur von einer “dynamischen, kreativen und zeitgenössischen” Metropole zu schwadronieren – oder endlich die Rahmenbedingungen zu schaffen, die diesen Anspruch auch einlösen. Die Musikbranche, so zeigen die zitierten Wirtschaftsdaten, liefert ihren Beitrag. Jetzt ist die Politik am Zug. Alles andere wäre Heuchelei in Dur und Moll.
Quellen: Gemeinsame Stellungnahme der Veranstalterverbände MusicaProCV und Promfest; Wirtschaftsdaten aus dem Anuario de la Música en la Comunitat Valenciana; öffentliche Reaktionen der betroffenen Künstler.
Quelle: europapress.es