
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Valencia setzt auf Schiene – wer zahlt die Zeche?
Jubelmeldung mit Preisschild
Wenn ein Regierungschef eine Fabrikhalle betritt, ist die Inszenierung meist wichtiger als das Produkt. So auch diese Woche in Albuixech bei Valencia, wo Generalitat-Präsident Juanfran Pérez Llorca vor den rollenden Beweisen einer „klaren strategischen Ausrichtung“ posierte: 22 neue Straßenbahnen der Serie 4500, gefertigt vom Schweizer Hersteller Stadler. Die erste Einheit für den TRAM in Alicante soll im Sommer ankommen, die weiteren folgen bis 2028. Die Botschaft, laut offizieller Mitteilung der Generalitat, ist unmissverständlich: Hier entstehe eine „moderne, zugängliche und effektive“ Schieneninfrastruktur, made in Valencia.
Die Zahlen klingen auf den ersten Blick beeindruckend. Fast 2.000 zusätzliche Plätze, deutlich mehr Komfort und Barrierefreiheit, die Ausmusterung drei Jahrzehnte alter Garnituren – wer könnte dagegen sein? Die regionalen Medien, darulierend Europa Press, übernahmen die Erfolgsmeldung dankbar. Doch wer hinter die glänzende Fassade aus Edelstahl und politischen Versprechen blickt, stößt auf ein fundamentales Problem: den Preis des Fortschritts.
Der teure Irrglaube vom "grünen" Business as usual
Llorca feiert die neue Flotte als Herzstück einer „nachhaltigen, sicheren und effizienten“ metropolitanen Mobilität. Ein hehres Ziel, gewiss. Doch die Finanzierung dieses Ziels offenbart die alte Denkfalle der Verkehrspolitik: Man glaubt, sich in die Zukunft kaufen zu können, ohne die Weichen der Vergangenheit zu stellen. Für die neuen Bahnen sind im FGV-Investitionsplan 2026-2030 rund 140 Millionen Euro von insgesamt 185 Millionen für Flottenerneuerung vorgesehen. Das Gesamtpaket schlägt mit über 840 Millionen Euro zu Buche.
Hier müssen wir eine einfache Frage stellen: Kauft man sich damit tatsächlich eine Verkehrswende? Oder finanziert man lediglich den Ersatzbedarf eines Systems, das in seiner Grundarchitektur – starre Schienen auf wenigen Korridoren – den flexiblen Mobilitätsbedürfnissen des 21. Jahrhunderts oft hinterherhinkt? Die Generalitat argumentiert mit den „Projekten der geplanten Erweiterung“ in Alicante und Valencia. Doch Expansion ohne durchdachte Integration in ein Gesamtnetz aus Bus, Fahrrad und geteilter Mobilität ist Geldverschwendung auf Rädern.
"100% valencianische Produktion" – Ein wohlfeiler Mythos
Am durchsichtigsten ist das politische Narrativ beim Thema Arbeitsplätze. „Produktion industrial 100% valenciana“, betont Llorca und preist die Fabrik in Albuixech als „industrielles Referenzprojekt“. Diese Rhetorik ist clever, aber irreführend. Stadler ist ein internationaler Konzern mit Sitz in der Schweiz. Dass er in Valencia fertigt, ist kein Akt regionaler Wirtschaftsförderung, sondern das Ergebnis globaler Standortlogik und wahrscheinlich lukrativer öffentlicher Aufträge.
Die beschworene „Allianz zwischen Industrie und Ausbildung“ dient vor allem einem Zweck: der Legitimation hoher Staatsausgaben. Man schaffe „qualifizierte Profile, angepasst an die realen Bedürfnisse“. Übersetzung: Der Steuerzahler finanziert die Ausbildung von Fachkräften für ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das seine Gewinne nicht regional reinvestieren muss. Das ist keine böswillige Unterstellung, sondern die blanke Realität kapitalistischer Logik, die sich hier in das Gewand regionaler Wertschöpfung kleidet.
Fazit: Mobilität ist mehr als nur neue Bahnen
Die neuen Straßenbahnen für Alicante und Valencia sind nicht per se schlecht. Sie sind ein notwendiges Update. Sie sind aber vor allem ein Symbol für eine Verkehrspolitik, die im Technizistischen stecken bleibt. Wahre nachhaltige Mobilität entsteht nicht in der Fabrikhalle, sondern durch mutige stadtplanerische Entscheidungen: durch die Reduktion des motorisierten Individualverkehrs, die konsequente Vorrangschaltung für öffentliche Verkehrsmittel und die Schaffung durchgängiger, sicherer Radwege. Dafür braucht es keinen Präsidentenbesuch bei Stadler, sondern den politischen Willen, dem Auto Raum zu entziehen – ein Tabu, vor dem auch die valencianische Generalitat kuscht.
Solange die Anschaffung neuer Bahnen als Hauptantwort auf die Verkehrsfrage verkauft wird, fahren wir auf der Stelle. Nur deutlich teurer.
Quelle: europapress.es