Spaniens Millionen: Zu spät für die Primärversorgung?

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Spanien

Spaniens Millionen: Zu spät für die Primärversorgung?

von Sabine Keller

Klebrige Pflaster auf einer klaffenden Wunde

Ein Hauch von Aufbruch weht durch die spanische Gesundheitspolitik. 172,4 Millionen Euro für die Primärversorgung, weitere 60 Millionen für die Mundgesundheit – auf den ersten Blick scheint die Regierung unter Ministerpräsident Pedro Sánchez endlich den Geldhahn für das marode Rückgrat des Gesundheitssystems aufzudrehen. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Es handelt sich um klebrige Pflaster, die auf eine klaffende Wunde geklebt werden. Die Frage ist nicht, ob das Geld willkommen ist. Die Frage ist, ob es zu spät kommt und ob die Summen angesichts des jahrelangen Sanierungsstaus überhaupt ausreichen.

Wie aus dem Ministerium von Gesundheitsministerin Mónica García verlautet, sollen die Mittel für die autonomen Gemeinschaften unter anderem in Künstliche Intelligenz zur Entlastung des Personals, in neue Diagnosegeräte und in die verbesserte Erkennung von Geschlechtergewalt fließen. Alles löbliche Ziele. Doch sie kaschieren nicht die grundlegende Systemkrise: den chronischen Personalmangel, die Überlastung der Hausarztpraxen und die Landflucht der Ärzte. Eine KI mag den Arzt von der Dokumentation befreien – sie heilt aber keine Burn-out-Patienten, die das System verlassen.

60 Millionen für Zähne: Ein Tropfen auf den heißen Stein

Der zweite große Posten, die 60 Millionen Euro für den Ausbau der zahnärztlichen Versorgung, folgt einer ähnlichen Logik der Symbolpolitik. Zwar werden schrittweise mehr Bevölkerungsgruppen, darunter jetzt auch Menschen über 65, in die Leistungskataloge aufgenommen. Doch die konkreten Zahlen, die das Ministerium nennt, offenbaren die erschreckende Realität des Status quo: Gerade einmal 20,4 Prozent der Kinder und Jugendlichen und 25 Prozent der Schwangeren sind aktuell abgedeckt. Bei den Senioren sind es magere drei Prozent. Von einer flächendeckenden, gerechten zahnmedizinischen Grundversorgung ist Spanien damit Lichtjahre entfernt. Die neuen Millionen sind ein Schritt – aber er gleicht dem Versuch, einen Ozean mit einer Gießkanne zu füllen.

Evidenz statt Euphorie: Der dritte, stille Coup

Während die Geldtransfers die Schlagzeilen bestimmen, verbirgt sich im Schatten des Ministerratsbeschlusses die vielleicht wichtigste, weil systemischere Neuerung: die erstmalige gesetzliche Regulierung eines nationalen Systems zur Bewertung von Gesundheitstechnologien. Künftig sollen die Einführung und Finanzierung von Medikamenten, digitalen Therapien oder neuen Operationsmethoden auf einer soliden evidenzbasierten Grundlage entschieden werden. Das klingt technokratisch, ist aber eine kleine Revolution. Sie zielt auf das Grundübel einer oft von Lobbyinteressen und regionalen Eitelkeiten getriebenen Gesundheitspolitik. Eine solche Rationalisierung ist überfällig und könnte langfristig mehr Wirkung entfalten als alle einmaligen Millionen-Spritzen.

Dennoch bleibt der bittere Beigeschmack. Diese Initiativen, so notwendig sie sind, kommen nach Jahren der Kürzungen und der Vernachlässigung der ersten Linie der Gesundheitsversorgung. Sie sind Reaktionen auf einen bereits eingetretenen Notstand. Die wahre Herausforderung für Ministerin García wird sein, aus diesen Einzelmaßnahmen eine kohärente, langfristige und vor allem ausreichend finanzierte Strategie zu formen. Die Primärversorgung braucht keinen Facelift, sie braucht eine grundlegende Sanierung. Und die kostet mehr als punktuelle Millionen. Sie kostet politischen Willen, der über eine Legislaturperiode hinausreicht. Ob dieser Wille vorhanden ist, werden nicht die heutigen Pressemitteilungen, sondern die Haushalte der kommenden Jahre zeigen.

Quellen: Angaben des spanischen Ministeriums für Gesundheit (Ministerio de Sanidad) und Berichte über die Beschlüsse des Ministerrats (Consejo de Ministros) vom 11. März 2025.


Quelle: 20minutos.es