
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
„Sie hat nicht Nein gesagt“: Verteidigung provoziert Empörung
Ein Satz, der alle Alarmglocken schrillen lässt
„Sie hat mir nichts verboten, sie hat nichts gesagt.“ Mit dieser Begründung versucht ein Mann vor Gericht eine Vergewaltigung als einvernehmlichen Akt darzustellen. Es ist Dienstag, Saal der Strafkammer in Palma, und die Luft ist zum Schneiden dick. Der Angeklagte, einst Fußballer bei UD Alaró und Trainer einer Frauenmannschaft, soll im Oktober 2018 eine junge Italienerin in einen dunklen Gassenabschnitt gezerrt, gewürgt und vergewaltigt haben. Seine Verteidigungslinie: Sie habe ja nicht Nein gesagt. Ein Argument, das juristisch schief liegen dürfte – und moralisch umso mehr.
Die Tat: Kein Flirt, sondern Gewalt
Die Frau, damals in der Gemeinde Alaró auf Mallorca beschäftigt, schildert den Abend des 28. Oktober 2018 so: Sie ist auf dem Heimweg, als der Mann sie anspricht. Sie hält ihn für verwirrt, er wiederholt das Wort „Bar“. Doch aus einer vermeintlichen Wegbeschreibung wird ein Übergriff. Der Beschuldigte packt sie am Arm, küsst sie gegen ihren Willen, zieht sie mit – nicht in das Lokal, sondern in eine „leere, unbeleuchtete Straße“. Dort stößt er sie gegen ein geparktes Auto, packt ihren Hals und vergewaltigt sie. Sie schafft es kurz, sich zu befreien, doch er verfolgt sie, redet weiter, als wäre nichts passiert.
Ihre Reaktion danach ist bezeichnend: Sie flieht nicht sofort zur Polizei, sondern schreibt einem Freund. Sie hat Angst, will kämpfen – und bleibt sogar auf der Insel, um ihre schwangere Arbeitgeberin nicht im Stich zu lassen. „Ich wollte nicht nach Hause, als hätte ich verloren“, sagt sie später aus. Erst am Folgetag erstattet sie Anzeige bei der Guardia Civil, lässt sich im Krankenhaus untersuchen. Dass sie den Täter später zweifelsfrei identifiziert, bestätigt der ermittelnde Beamte vor Gericht.
Die Verteidigungsstrategie: Schweigen als Zustimmung?
Der Angeklagte zeichnet ein völlig anderes Bild: Man sei im Bar ins Gespräch gekommen, habe getanzt, sich geküsst. Man sei freiwillig in eine abgelegene Ecke gegangen, Sex sei „konsensual“ gewesen. Er habe sie nicht gewürgt, nicht gezogen, und sie habe nie Stopp gesagt. Sein Anwalt fordert Freispruch – obwohl bereits 10.000 Euro als Schadensersatz geflossen sind. Eine Zahlung, die man durchaus als Eingeständnis interpretieren könnte, die die Verteidigung aber als bloße Geste verkauft.
Genau hier liegt das Problem: Die Argumentation „Sie hat nicht Nein gesagt“ ist nicht nur rechtlich fragwürdig, sondern offenbart ein erschreckend rückständiges Verständnis von Zustimmung. Wer in Schockstarre verharrt, wer aus Angst schweigt, gibt keine Einwilligung. Schweigen ist kein Ja. Wer diese Logik bemüht, stellt sich nicht nur gegen den gesunden Menschenverstand, sondern auch gegen die spanische Rechtsprechung, die seit Jahren auf das Prinzip der „expliziten Zustimmung“ pocht.
Ein Tribunal, das Klarheit schaffen muss
Die Staatsanwaltschaft fordert acht Jahre Haft und 25.000 Euro Entschädigung. Die Beweislage ist alles andere als dünn: Die Aussage der Frau ist detailreich, konsistent und von einer medizinischen Untersuchung gestützt. Die Identifizierung war eindeutig – „ohne jeden Zweifel“, so der Guardia Civil. Und dann ist da noch der psychologische Kollateralschaden: Die Italienerin spricht von Panikattacken, von Jahren, in denen sie nicht mehr allein nach Hause gehen konnte. Sie musste therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, um vor Gericht überhaupt aussagen zu können.
Das Urteil steht noch aus. Doch eines ist klar: Wer auf die Formel „kein Nein, also Ja“ setzt, hat die gesellschaftliche Debatte der letzten Jahre nicht verstanden. In Spanien hat die MeToo-Bewegung längst zu einem Umdenken geführt – auch im Justizsystem. Das Strafgesetzbuch stellt seit der Reform klar, dass sexuelle Handlungen ausdrücklich konsentiert sein müssen. Wer darauf vertraut, dass eine Frau Gewalt nur dann ablehnt, wenn sie es laut ausspricht, hat entweder die Realität verdrängt oder die Gesetzeslage nicht gelesen.
Der Prozess ist beendet, das Urteil wird in den kommenden Wochen erwartet. Die Kammer steht vor einer Richtungsentscheidung: Stellt sie sich hinter das moderne Verständnis von Konsens oder hinter eine Verteidigung, die auf altertümlichen Machtverhältnissen fußt? Die Antwort darauf wird nicht nur über das Schicksal eines Mannes entscheiden, sondern auch darüber, wie ernst Spanien den Schutz von Opfern sexueller Gewalt nimmt.
Quellen: Europapress, Berichterstattung vom 3. November 2025; Angaben der Audiencia Provincial de Baleares, der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung.
Quelle: europapress.es