
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Raval vs. Museum: Eine Frage der Macht
Bürger gegen Beton: Eine Nachbarschaft wehrt sich
Die Karten sind neu gemischt, doch der Konflikt ist alt. Während das Museu d'Art Contemporani de Barcelona (MACBA) seine Pläne für eine Erweiterung vorantreibt, formiert sich im angrenzenden Viertel Raval erneut Widerstand. Die „Xarxa Veïnal del Raval“, eine lokale Nachbarschaftsinitiative, hat eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Das Ziel ist nicht nur, die 3.000 Euro Gerichtskosten aufzubringen, zu denen sie im vergangenen Juli verurteilt wurden. Es geht um ein Prinzip: den Präzedenzfall. „Die Verurteilung war eine Anomalie und eine Bestrafung, mehr als nur Kosten“, ließ die Präsidentin der Initiative, Pilar Paterna, laut Mitteilung verlautbaren. Man wolle verhindern, dass sich so etwas wiederhole.
Hinter den 3.000 Euro verbirgt sich eine grundsätzliche Konfrontation. Der Oberste Gerichtshof Kataloniens (TSJC) hatte im Sommer die Erweiterung des Museums gebilligt und damit die Klage der Anwohner abgewiesen. Doch diese geben nicht auf. Wie der Anwalt der Gruppe, Ivo Recoder, erklärte, liegt bereits ein Kassationsantrag beim TSJC. Die bittere Realität der Justizgeschwindigkeit: Eine Antwort erwartet man – „mit Glück“ – erst 2027. Bis dahin dürften die Bauarbeiten weitgehend abgeschlossen sein.
Ein zweites juristisches Gefecht und die Frage der Legalität
Die Nachbarschaft führt jedoch nicht nur einen, sondern gleich zwei juristische Kämpfe. Ein zweites Verfahren richtet sich gegen den speziellen Bebauungsplan, den der Barcelonaer Stadtrat 2024 verabschiedete, um das Siegerprojekt der MACBA-Erweiterung „in die urbanistische Legalität“ zu überführen. Diesen Schritt brandmarkt die Initiative als nachträgliche Legitimierung eines fehlerhaften Verfahrens. Laut Recoder steht dieses zweite Verfahren kurz vor dem Urteil. Ein Sieg hier könnte die Fläche des geplanten Neubaus von 1.200 auf 1.000 Quadratmeter reduzieren – ein kleiner, aber symbolischer Erfolg.
Doch der Kern des Protests liegt tiefer. Iñaki Garcia, ein Anwohner und Mitglied des Lokals, bringt es auf den Punkt: „Die Bauarbeiten stützen sich nur auf die Position des Machtmissbrauchs durch die Verwaltung.“ Es gehe darum, dieses Vorgehen zu „bestrafen“ und das Viertel zu „würdigen“. Die Nachbarn verweisen nicht ohne Grund auf ihren eigenen demokratischen Erfolg: In partizipativen Haushaltsverfahren hatten sie einst eine dem aktuellen Projekt entgegengesetzte Idee durchgesetzt. Diese wurde einfach übergangen.
Der lange Atem der Zivilgesellschaft
Die Crowdfunding-Kampagne bis Juni ist somit mehr als eine Geldsammlung. Sie ist ein Barometer für die Unterstützung einer zivilgesellschaftlichen Haltung, die sich der vermeintlichen Alternativlosigkeit von Prestigeprojekten entgegenstellt. Hier kämpft nicht eine NIMBY-Bewegung („Not In My Backyard“), sondern eine Gemeinschaft, die für ihr Mitspracherecht und gegen einen als willkürlich empfundenen Verwaltungsakt kämpft. Der Ausgang ist ungewiss, die Baukräne werden vorerst nicht stoppen. Doch die Nachbarschaft des Raval sendet ein klares Signal: Urbaner Wandel darf nicht über die Köpfe derer hinweg entschieden werden, die ihn täglich erleben müssen.
Quellen: Mitteilung der Xarxa Veïnal del Raval und Europa Press.