Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Die verriegelte Stadt
Eine Stadt schließt ihre Türen
“Sant Cugat ist heute bereits eine sehr unzugängliche Stadt.” Mit diesem Satz liefert Bernat Picornell, Stadtrat und ERC-Sprecher vor Ort, eine schonungslose Diagnose. Es ist die Feststellung einer sozialen Spaltung, die längst Realität ist. Das Modell Sant Cugat, einst Vorzeige-Kommune für Lebensqualität, funktioniert nur noch für eine bestimmte Klientel. Wer jung ist, wer ein normales Einkommen hat, wer hier arbeiten möchte – der bleibt draußen vor der Tür. Picornell, der sich in einem ausführlichen Interview in der Ràdio Sant Cugat zu Wort meldete, nennt die erschreckende Konsequenz: Sant Cugat, einst die Gemeinde mit den meisten Kindern, ist heute die Stadt mit den wenigsten jungen Menschen im Alter der Familiengründung. Das ist kein demografischer Zufall. Das ist das Ergebnis einer verfehlten Wohnungspolitik.
Die träge Maschine gegen die drängende Not
Picornells Hauptkritikpunkt richtet sich nicht gegen den politischen Willen an sich, sondern gegen das Instrument: die Verwaltung. “Die Geschwindigkeit der Verwaltung ist nicht die Geschwindigkeit, die die Bürgerschaft benötigt”, stellt er fest. Diese “langsame Maschinerie” sei ein systemisches Problem. Die Folgen zeigen sich besonders drastisch im Sozialdienst, dessen Mitarbeiter in den letzten Monaten mehrfach im Stadtrat ihre prekäre Situation schilderten. Zwar seien die von der Regionalregierung vorgegebenen Mindestpersonal-Schlüssel erreicht, räumt Picornell ein. Doch diese Rationen seien eben nur ein Minimum. Angesichts eines “sehr hohen Prozentsats” an Einwohnern, die Sozialhilfe beziehen, sei diese Personaldecke völlig unzureichend. Die Diskrepanz zwischen administrativem Tempo und menschlicher Dringlichkeit wird hier zum sozialen Risiko.
Die Priorität: Bauen, bauen, bauen – und zwar öffentlich
Für die ERC ist die Lösung klar und hat oberste Priorität: Der öffentliche Wohnungsbau muss massiv ausgebaut werden. Das Projekt Ca n’Ametller steht dabei symbolisch für den politischen Kampf. Picornell beansprucht für seine Partei, hier den entscheidenden Unterschied gemacht zu haben. Während der Koalitionspartner Junts das Vorhaben “sehr gut studieren” wollte, um das Stadtmodell zu wahren, habe die ERC stets auf Maximierung der öffentlichen Wohnungen gedrungen. Mit Erfolg, wie er betont: Aus geplanten 2.800 geförderten Wohnungen seien durch diesen Druck nun 3.200 geworden. Ein Sieg? Ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn derzeit macht der öffentliche Wohnungsbestand von Promusa, der städtischen Wohnungsbaugesellschaft, gerade einmal etwa fünf Prozent des Gesamtbestands aus. Diese Zahl entlarvt das gesamte Problem. Sant Cugat braucht keine kosmetischen Korrekturen, es braucht einen Paradigmenwechsel.
Die Frage der Verantwortung: Koalition als Bremse?
Die Frage drängt sich auf: Wäre mit einer Alleinregierung der ERC mehr möglich gewesen? Picornell gibt eine diplomatisch zugespitzte Antwort. Man hätte “bei einigen Projekten, die auf dem Tisch liegen, wahrscheinlich ein bisschen schneller” agiert, etwa beim Projekt Ragull oder bei der ersten Genehmigung für Ca n’Ametller. Die grundsätzliche Richtung stimme in der Koalition zwar – die Bewahrung des grünen Rings um das Zentrum sei ohne ERC im Rathaus wohl nicht gelungen. Doch beim zentralen Thema Wohnen scheint der Antrieb ein anderer zu sein. Während für die ERC die Wohnungsfrage “Priorität Nummer 1” ist, zweifelt Picornell, ob der Partner Junts sie ebenfalls an diese Stelle gesetzt hätte. Hier liegt der eigentliche Konfliktpunkt: In der Koalition muss man Kompromisse schließen, auch bei der Dringlichkeit. Und Zeit ist in einer “sehr unzugänglichen Stadt” die kostbarste Ressource, die gerade verspielt wird.
Die Quellen für die Aussagen und Daten stammen aus dem Interview mit Bernat Picornell im Politmagazin von Ràdio Sant Cugat, auf das in dem Bericht des Nachrichtenportals cugat.cat Bezug genommen wird.
Quelle: cugat.cat