Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Eine Frage der Kontrolle – oder des Kontrollverlusts?
Wenn Verträge zu Papiertigern werden
Der Fall klingt nach einem Lehrbuchbeispiel für kommunales Verwaltungsversagen: Ein Millionenauftrag für die Organisation des Breitensports, eine vermeintlich strenge Ausschreibung – und dann, so scheint es, ein kollektives Wegsehen der Verantwortlichen. In Sant Cugat del Vallès, einer wohlhabenden Vorstadt Barcelonas, wird die Verwaltung der städtischen Sportbüros (OMET) zum politischen Kampfplatz. Die konservative Volkspartei (PP) hat schwere Geschütze aufgefahren und prüft, wie Cugat Mèdia berichtete, eine Anzeige bei der katalanischen Antifraud-Behörde. Der Vorwurf ist eindeutig: Die Rathausführung habe ihre Kontrollpflicht sträflich vernachlässigt.
Der Katalog der Versäumnisse
Der PP liegt ein detaillierter Katalog angeblicher Vertragsverstöße des Dienstleisters Fundesplai vor. Die Vorwürfe lesen sich teils banal, teils fundamental: Die versprochene englischsprachige Website sei nie online gegangen, bestimmte Stellen im Organigramm blieben unbesetzt, und die zugesicherte Flut von Social-Media-Posts – 60 wöchentlich in ruhigen Phasen, 110 in Stoßzeiten – sei niemals erreicht worden. Doch viel schwerer wiegt der zweite Teil der Anschuldigung: Die zuständigen städtischen Fachleute hätten es systematisch unterlassen, diese Mängel zu ahnden. Die vertraglich vorgeschriebenen Jahresaudits, die den Grad der Vertragserfüllung überprüfen sollen, fielen einfach aus. Ebenso fehlten jegliche Sanktionsverfahren. Hier schlägt die politische Kritik in eine fundamentale Systemfrage um: Wozu dienen detaillierte Leistungsbeschreibungen, wenn niemand ihre Einhaltung kontrolliert?
Die Verteidigung: Von Verbesserung und neuer Realität
Die sozialistische Sportstadträtin Núria Escamilla kontert mit einer ganz anderen Erzählung. Für sie ist die nun eingeleitete Neuausschreibung kein Eingeständnis von Fehlern, sondern ein Schritt der Weiterentwicklung. “Die ersten zwei Jahre haben uns gedient, die Realität und die Bedürfnisse noch besser kennenzulernen”, argumentiert sie. Man habe bewusst auf eine Verlängerung des alten Vertrags verzichtet, um die Leistungen zu verbessern und “mehr an die Realität des Büros anzupassen”. Sie verweist auf neue Programme wie inklusive Feriencamps und positive Rückmeldungen der Nutzer. Ein Eingeständnis von Kontrollversäumnissen sucht man in dieser Darstellung vergebens. Es ist der klassische politische Clash: die eine Seite spricht von Pflichtverletzung, die andere von pragmatischer Optimierung.
Ein zweiter Wettbewerb und die offenen Fragen
Die Chronologie des Falles wirft weitere Fragen auf. Fundesplai hatte den Zuschlag im Dezember 2024 in einem hoch umstrittenen Verfahren erhalten und die langjährige Vorgängerin Teampartners knapp ausgestochen. Diese hatte den Entscheid erfolglos angefochten. Kaum mehr als ein Jahr später – der Vertrag läuft eigentlich bis Ende 2024 mit Option auf Verlängerung – schreibt die Stadt den Dienst bereits wieder neu aus. Der PP betont, in den Akten finde sich weder ein formeller Rücktritt des aktuellen Dienstleisters noch ein eingeleitetes Vertragsstrafverfahren. Warum also der Neustart? Die Begründung der Verwaltung bleibt vage. Gleichzeitig bewirbt sich Fundesplai, nun in einer Betriebsgemeinschaft mit einem Partner, erneut um den Auftrag. Es wirkt, als wolle man einen falschen Start mit einem neuen Anlauf korrigieren – ohne die Verantwortung für den ersten klar zu benennen.
Ein Prüfstein für kommunale Verantwortung
Der Fall OMET ist mehr als ein lokaler Streit um Sportkurse. Er ist ein Prüfstein für die Glaubwürdigkeit kommunaler Auftragsvergabe. Wenn Ausschreibungskriterien – seien es Social-Media-Kennzahlen oder die Ausstattung der Mitarbeiter – in der Angebotsphase hoch gepokert, in der Ausführungsphase aber ignoriert werden können, entwertet das das gesamte Vergaberecht. Es schafft einen Raum der Beliebigkeit, der Misstrauen säht. Die Drohung des PP mit der Antifraud-Behörde ist dabei weniger eine Garantie für Aufklärung als ein Symptom des tief sitzenden Verdachts. Letztlich geht es um eine simple Frage: Wer kontrolliert in Sant Cugat eigentlich wen? Die Politik die Verwaltung? Die Verwaltung ihre Dienstleister? Oder hat sich am Ende niemand mehr unter Kontrolle?
Quellen: Dieser Artikel stützt sich auf eine umfassende Recherche und die Originalberichterstattung von Cugat Mèdia.
Quelle: cugat.cat