Nach der Flut: Das Gefühl des Vergessenwerdens

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Valencia

Nach der Flut: Das Gefühl des Vergessenwerdens

von Redaktion3 Min. Lesezeit

Wenn der Staat verschwindet: Die stille Wut nach der DANA

Wer in den Trümmern seines Zuhauses steht, braucht Wasser, Strom und ein Dach über dem Kopf – nicht Warteschleifen und Formulare. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Eine neue Untersuchung der Universitat Politècnica de València (UPV) belegt nun, was viele Betroffene der verheerenden Flutkatastrophe vom 29. Oktober 2024 seit Monaten beklagen: Das Gefühl, vom Staat alleingelassen worden zu sein, war in den ersten Tagen nach der Katastrophe allgegenwärtig. Die Studie, veröffentlicht im renommierten International Journal of Disaster Risk Reduction, basiert auf der Befragung von 300 direkt betroffenen Personen aus 23 Gemeinden des Katastrophengebiets.

Die 72-Stunden-Marke als Gradmesser des Versagens

Die Ergebnisse der Erhebung, die zwischen Mai und Juni 2025 durchgeführt wurde, sind ein vernichtendes Zeugnis für das Krisenmanagement. Sie zeigen eine klare Eskalation: Der kritischste Moment mangelnder Grundversorgung lag demnach exakt bei der 72-Stunden-Marke. In diesem Zeitfenster fehlten den Menschen nicht nur Lebensmittel und vorübergehende Unterkünfte, sondern auch medizinische Versorgung und – besonders gravierend – Elektrizität. Wer jetzt argumentiert, in solchen Ausnahmesituationen sei Chaos normal, verkennt die Dimension. Die Forscher um Tomás Baviera, Professor für Marketing an der UPV, belegen, dass diese akuten Mängel nicht folgenlos blieben: Sie korrelierten direkt mit dem subjektiven Empfinden, im Stich gelassen worden zu sein.

Das zweite Desaster: Wenn die Bürokratie die Rettung blockiert

Doch die Studie geht weiter. Sie zeigt, dass sich die Bedürfnisse der Betroffenen im Laufe der Zeit verschoben haben – von der akuten Nothilfe hin zu langfristiger Unterstützung. Während die Grundversorgung nach Wochen langsam wieder anlief, wuchs die Frustration über administrative Hürden. Plötzlich standen nicht mehr Sandwiches und Generatoren im Vordergrund, sondern die Frage, wie man an rechtliche Beratung, Handwerker oder eine unbürokratische Hilfe für den Wiederaufbau kommt. Die UPV-Forscher nennen dies das Phänomen des „zweiten Desasters“: ein zusätzliches Leid, das nicht durch die Naturgewalt selbst, sondern durch eine lahme Verwaltung und mangelnde Koordination entsteht.

Besonders aufschlussreich ist ein neuer Untersuchungsbereich, der in dieser Form bislang kaum akademisch beleuchtet wurde: die Unterbrechung sogenannter „essentieller Haushaltsversorgung“ wie Strom, Wasser, Gas und Telekommunikation. Die Wissenschaftler stellen klar, dass der Ausfall dieser Infrastruktur von den Betroffenen nicht nur als materieller Schaden wahrgenommen wurde. Vielmehr erzeugte die Dunkelheit und Funkstille ein tiefes Gefühl der Verletzlichkeit, der Unsicherheit und der völligen Isolation. Man ist auf sich gestellt, wenn das Handy tot ist und die Straßenlaternen nicht mehr brennen.

Zwischen Verzweiflung und Dankbarkeit: Ein gespaltenes Land

Das Bild, das die UPV-Studie zeichnet, ist jedoch nicht ausschließlich düster. Die Analyse von 172 freien Antworten offenbart eine emotionale Zerrissenheit der Bevölkerung. Auf der einen Seite stehen Wut, Einsamkeit und das Gefühl des Abandonments – Emotionen, die sich gegen die institutionellen Strukturen richten. Auf der anderen Seite dokumentiert die Untersuchung eine enorme Dankbarkeit gegenüber jenen, die tatsächlich halfen: den Freiwilligen, den NGOs, den privaten Initiativen, den Nachbarn und Freunden, die oft schneller vor Ort waren als jede offizielle Hilfsorganisation. Diese Diskrepanz zwischen staatlichem Versagen und zivilgesellschaftlicher Solidarität ist der eigentliche Skandal, den die Studie offenlegt.

Die Autoren fordern daher nicht weniger als einen Umbau der Katastrophenhilfe. Statt auf starre Hierarchien zu setzen, müsse die Kommunikation zwischen den Verwaltungsebenen radikal verbessert und die immense Kraft der spontanen Helfer besser in die offiziellen Rettungsketten integriert werden. Das Projekt entstand übrigens aus einem Förderprogramm für weibliche Führungskräfte an der UPV, was zeigt, dass innovative Lösungen oft dort entstehen, wo man sie nicht vermutet. Die Botschaft der Studie ist eindeutig: Wer bei einer Katastrophe nur auf Behörden wartet, hat die Realität der Betroffenen nicht verstanden. Das Gefühl des Vergessenwerdens ist ein politischer Sprengsatz – und die Verantwortung dafür liegt nicht beim Wetter.

Die Studie von Mar Adsuara-Fayos, Gema Ventura-Navarro und Tomás Baviera wurde im Fachjournal "International Journal of Disaster Risk Reduction" publiziert.


Quelle: europapress.es

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