
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Nach AVE-Kollision: Fragen zur Sicherheit
Ein Schock für die Bahnwelt
Der Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge in der Nähe von Urda (Toledo) hat Spanien erschüttert. Mit 69 Todesopfern handelt es sich um das schwerste Unglück in der Geschichte der spanischen Hochgeschwindigkeitsbahn, die seit 1992 in Betrieb ist. Die Unglücksstelle in der Provinz Toledo ist damit zum traurigen Schauplatz eines beispiellosen Ereignisses geworden, das die Diskussion über die Sicherheit des Schienenverkehrs neu entfacht hat.
Ein fataler Systemausfall
Die Ermittlungen konzentrieren sich auf ein Versagen im Kontrollzentrum des Bahninfrastrukturbetreibers Adif in Madrid-Atocha. Laut dem Verkehrsminister Óscar Puente, der sich auf die Auswertung von Video- und Audioaufzeichnungen stützt, ergibt sich folgendes Bild: Am Unglücksmorgen fiel um 8:31 Uhr das Sicherheitssystem LZB auf einem 63 Kilometer langen Abschnitt der Strecke Madrid–Sevilla aus. Dieses veraltete System ist nur auf dieser Linie installiert und soll durch das europaweit standardisierte ERTMS ersetzt werden.
Nach dem Ausfall mussten alle Züge anhalten und der Betrieb lief im sogenannten „Degradiert-Modus“ weiter, bei dem die Verantwortung beim Kontrollzentrum in Atocha lag. In diesem Modus hätte kein Zug ohne besondere Genehmigung fahren dürfen. Dennoch geschah das Fatale: Um 8:36 Uhr gab das Kontrollzentrum dem Renfe-AVE die Freigabe, seine Fahrt mit normaler Geschwindigkeit – also weit über 40 km/h – fortzusetzen. Nur fünf Minuten später sollte ein Iryo-Zug folgen, der jedoch technische Probleme hatte und stehen blieb.
Ein folgenschwerer Kommunikationsfehler
Gegen 8:48 Uhr meldete der Iryo-Zug seine Probleme an das Kontrollzentrum, das die Nachricht zwar empfing, aber offenbar nicht reagierte. In der Zwischenzeit war der AVE bereits rund 25 Kilometer gefahren und hatte Tempo aufgenommen, bevor er mit mehr als 160 km/h auf den stehenden Zug prallte. Der Zusammenstoß ereignete sich gegen 8:53 Uhr.
Kritische Fragen zur Sicherheit
Warum das LZB-System ausfiel, ist noch unklar. Der Hersteller Hitachi benötigt für die Analyse der Daten eine gerichtliche Freigabe. Laut Puente sind solche Störungen nicht ungewöhnlich – es gab in diesem Jahr bereits 170 ähnliche Vorfälle, was im europäischen Durchschnitt liege. Das System sei grundsätzlich zuverlässig und werde auch in anderen Ländern wie Deutschland eingesetzt.
Die Frage, warum Spanien nicht bereits früher auf das modernere ERTMS umgestellt hat, beantwortet der Minister mit europäischen Vorgaben: Die Umstellung sei bis spätestens 2040 vorgeschrieben, und für die Strecke Madrid–Sevilla sei das neue System für Anfang 2027 geplant. Ursprünglich war die Inbetriebnahme ein Jahr früher vorgesehen.
Zukunft der Bahn in der Diskussion
Ministerpräsident Pedro Sánchez hat eingeräumt, dass das Vertrauen in das Bahnsystem „gebrochen“ sei. Puente sieht die Sicherheit dennoch gewährleistet: „Wir haben ein sicheres System, und die Vorfälle sind extrem außergewöhnlich.“ Er betont, dass es nicht nur um Sicherheit, sondern auch um Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit gehe, um das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen.
Die kommenden Tage werden zeigen, ob die Ermittlungen weitere Erkenntnisse über die genauen Abläufe und Verantwortlichkeiten bringen. Die Aufarbeitung des Unglücks dürfte jedoch weit über die unmittelbare Klärung der Ursachen hinausgehen – die Zukunft der spanischen Hochgeschwindigkeitsbahn steht auf dem Prüfstand.
Quelle: 20minutos.es