
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Madrider Floristen trotzen dem Wandel am Allerheiligentag
Vorbereitungen für das Totenfest laufen auf Hochtouren
In Madrid herrscht eine Woche vor Allerheiligen geschäftiges Treiben entlang der Straßen, die zum Friedhof La Almudena führen. Zahlreiche Stände und Geschäfte haben ihre Verkaufsflächen erweitert, um der erwarteten Nachfrage nach Blumenschmuck gerecht zu werden. Die Auswahl reicht von klassischen Chrysanthemen über Nelken bis hin zu frischen Rosen, wobei die Händler ihre Ware seit dem 23. Oktober anliefern lassen. Um Diebstähle zu verhindern, übernachten Angestellte oder Wachpersonal in den provisorischen Verkaufszelten, die in den Nächten von Scheinwerfern beleuchtet werden.
Wirtschaftlicher Druck und strukturelle Hürden
Die Vorbereitungen sind für die Gewerbetreibenden mit erheblichen Kosten verbunden. Wie der Unternehmer Fran Sánchez, der seit 26 Jahren einen Kiosk nahe des Haupteingangs betreibt, berichtet, schlägt allein die Sondergenehmigung für die zusätzlichen Stellflächen mit 80 Euro zu Buche. Hinzu kommt die jährliche Konzessionsgebühr von 1.400 Euro. Seine jüngst um 15 Jahre verlängerte Lizenz sieht er zwar als positives Signal, bemängelt jedoch die fehlende Stromversorgung der Stände. Eine provisorische Solaranlage mildert das Problem nur teilweise – an trüben Tagen bleibt das Licht aus.
Die gestiegene Nachfrage spiegelt sich auch im Personalbedarf wider. Sánchez beschäftigt während der Festtage fünf statt regulär drei Mitarbeiter, wobei es sich ausschließlich um Familienangehörige handelt. Seine betagte Mutter verfolgt das Geschehen von einem Stuhl am Stand aus und beobachtet das Kommen und Gehen der Kunden.
Generationenwechsel und verändertes Kundenverhalten
Die Beobachtungen der Händler deuten auf einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel hin. Während die Verkaufszahlen in den Tagen vor dem 1. November noch dreifach über dem Jahresdurchschnitt liegen, konstatieren die Betreiber einen deutlichen Rückgang gegenüber früheren Jahren. Sánchez führt dies auf mehrere Faktoren zurück: Die ältere Generation, die traditionell die Friedhöfe frequentiert, sterbe aus, während Jüngere kaum Interesse an diesem Ritual zeigten. Zudem verändere die zunehmende Verbreitung von Feuerbestattungen die Gedenkkultur.
Ein weiterer Aspekt ist die veränderte Einkaufsmentalität. Früher, so erinnert sich der Geschäftsmann, sei der Gang zum Friedhof mit den Großmüttern ein mehrtägiges Ereignis gewesen. Heute bevorzugen Kunden vorgefertigte Gestecke, die sie direkt an den Gräbern ablegen können. Um wirtschaftlich zu überleben, haben die Blumenhändler ihr Sortiment erweitert – Geburtstagssträuße und Dekorationen für Jubiläen sind inzwischen feste Umsatzbringer.
Drei Generationen Erfahrung und neue Herausforderungen
Nur wenige Meter entfernt führt die Familie Gómez ein Geschäft, das seit 1928 besteht und damit zu den ältesten der Gegend zählt. Die vier Schwestern, die den Betrieb in dritter Generation führen, bestätigen den Trend. Margarita Gómez beobachtet, dass viele Familien das lange Wochenende für Kurztrips nutzen, anstatt ihrer Verstorbenen zu gedenken. Die geringere Kundenfrequenz hat direkte Auswirkungen auf die Bestellmengen bei den Großhändlern.
Die logistischen Herausforderungen sind beträchtlich: Der Betrieb umfasst neben dem Verkaufsstand zwei Kühlkammern und ein Lager. Das finanzielle Risiko der Saison liegt laut Gómez bei mehreren tausend Euro – ein Aufwand, der bei widrigen Wetterbedingungen schnell zur Belastung wird. Die Erfahrungen aus der Pandemiezeit, als verkaufte Ware zurückblieb, mahnen zur Vorsicht.
Trotz aller Schwierigkeiten bleibt das Geschäft mit der Erinnerung präsent. Jedes Jahr kehrt eine ältere Frau an den Stand zurück, die seit 63 Jahren Blumen für ihre im Säuglingsalter verstorbene Tochter kauft – ein Beleg dafür, dass persönliche Rituale Bestand haben, auch wenn sich die kollektiven Traditionen wandeln. Die Blumenhändler zeigen sich entschlossen, ihre Nische zu behaupten. Wie mehrere Betreiber gegenüber Europa Press erklärten, gelte es, kreativ zu bleiben und neue Wege zu finden – die Geschäfte rund um La Almudena sind dafür ein Beispiel. (Europa Press)
Quelle: europapress.es