
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Krise in Ceuta eskaliert weiter
Widersprüchliche Zahlen und unklare Lage
Fast zwei Wochen nach dem historischen Massenzustrom von Migranten nach Ceuta ist die Krise in der spanischen Exklave weiterhin nicht gelöst. Während die Regierung in Madrid die Rückführung der meisten Menschen innerhalb von 48 Stunden als Erfolg verbucht, zeichnen die Behörden vor Ort ein gänzlich anderes Bild: Tausende irren demnach weiterhin durch die Straßen der Stadt, ohne dass ihre grundlegenden Bedürfnisse gedeckt werden können. Wie die Zeitung 20 Minutos berichtet, klaffen die offiziellen Angaben und die lokale Wahrnehmung erheblich auseinander.
Innenminister Fernando Grande-Marlaska hatte zunächst von 72.000 Eingereisten gesprochen, von denen 70.000 bereits nach Marokko zurückgekehrt seien. Diese Zahlen deckten sich jedoch nicht mit den Beobachtungen der Stadtverwaltung. Am Montag korrigierte Minister Ángel Víctor Torres die Gesamtzahl auf 80.000 illegale Grenzübertritte – eine Angabe, die eher mit den Schätzungen der Ceutaer Behörden übereinstimmt. Diese gehen davon aus, dass sich noch immer zwischen 8.000 und 11.000 Menschen in der Stadt aufhalten.
Forderungen nach zentraler Koordination
Der Präsident von Ceuta, Juan José Vivas, hat die Lage als „absolut unzumutbar, unhaltbar und inakzeptabel" bezeichnet. Er fordert von der Zentralregierung die Übernahme des „Alleinbefehls" über die Krisenbewältigung, einen nationalen Aktionsplan und die Einrichtung eines temporären Internierungslagers. Nur so ließen sich die Asylverfahren und Abschiebungen effizienter abwickeln. Vivas verlangt zudem eine personelle Aufstockung in den Bereichen Ausländerrecht, Justiz und Sicherheitskräfte. Die Wohnviertel seien derzeit „unbewohnbar", so das Feedback der Anwohnervereinigungen.
Innenminister Marlaska hatte zuvor von einer sich normalisierenden Lage gesprochen. Torres musste diese Aussage jedoch relativieren: Zwar sei die äußere Zuwanderung weitgehend gestoppt, doch die eigentliche Normalität im Stadtbild sei noch nicht erreicht.
Unbegleitete Minderjährige – eine wachsende Herausforderung
Besonders prekär ist die Situation unbegleiteter Minderjähriger. Torres bezifferte die Zahl der registrierten Kinder und Jugendlichen auf 1.400 und räumte ein, dass diese weiter steigen werde. Bei seinen Streifzügen durch die Stadt habe er viele Minderjährige in Polizeiwachen oder vor den Kommissariaten gesehen, die auf ihre Erfassung warteten. Eine endgültige Zahl wolle er nicht nennen, so der Minister.
Gesundheitswesen am Limit
Die medizinische Versorgung steht ebenfalls massiv unter Druck. Der Ceutaer Präsident Vivas warnte vor einem „konjunkturbedingten Bevölkerungszuwachs von zehn Prozent", der die Kapazitäten sprengt. Gesundheitsministerin Mónica García bestritt hingegen eine „Gesundheitskrise" und verwies auf nie dagewesene Ressourcen mit einem um 70 Prozent erhöhten Budget. Zwar seien die Behandlungen von Migranten von anfänglich 1.149 auf durchschnittlich 350 täglich gesunken, doch die Ärztekammer von Ceuta widerspricht deutlich: Sie spricht von einem „Kollaps" in den Notaufnahmen, wo sieben Mediziner täglich 400 bis 500 Patienten versorgen müssten. Der Präsident der Kammer, Enrique Roviralta, warnt vor epidemiologischen Risiken – Cholera, Tuberkulose, Masern oder infektiöse Durchfallerkrankungen könnten ausbrechen, wenn nicht schnell gehandelt werde.
Neue Bedrohung am 15. August
Die Behörden rechnen bereits mit der nächsten Eskalation: Über soziale Medien wird für den 15. August zu einem erneuten Sturm auf den Grenzzaun aufgerufen. Polizeiquellen schließen nicht aus, dass der Ansturm vorgezogen wird, sollte der erwartete Großaufmarsch abgeschreckt werden. Die Sicherheitskräfte wurden deutlich verstärkt – die Guardia Civil um 40 Prozent, die Nationalpolizei um 30 Prozent. Zusätzlich sind fast 300 Bereitschaftspolizisten, über 200 Guardia-Civil-Beamte und 2.000 Soldaten im Einsatz. Urlaubs- und Freizeitgenehmigungen für die Einsatzkräfte wurden ab dem 13. August weitgehend ausgesetzt.
Die Militärvereinigung ATME kritisiert die Belastung der Soldaten. Präsident Marco Antonio Gómez verwies auf die hohe psychische und physische Belastung der Truppe, die seit Wochen im Dauereinsatz sei. Die Lage bleibe also fragil – und die nächste Bewährungsprobe steht unmittelbar bevor.
Quelle: 20minutos.es