
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Experte: Bebauung in Flutgebieten war Fehler
Deutliche Worte nach der Flutkatastrophe
Knapp drei Tage nach den verheerenden Überschwemmungen im Osten Spaniens hat sich ein führender Bodengeograf der Universität Valencia zu Wort gemeldet. Artemi Cerdà, Inhaber des Lehrstuhls für Physische Geographie und Forscher der Gruppe SEDER (Soil Erosion and Degradation Research), zieht eine unmissverständliche Bilanz der Ereignisse vom 29. Oktober. Die Natur habe eine klare Botschaft gesendet: An vielen betroffenen Stellen hätte niemals gebaut werden dürfen.
Wiederkehrende Risiken und schwierige Entscheidungen
Der Wissenschaftler stellt in einer aktuellen Einschätzung die grundsätzliche Frage nach der Sinnhaftigkeit des Wiederaufbaus an gefährdeten Standorten. Sollte erneut eine DANA vergleichbarer Stärke auftreten, würden exakt dieselben Flächen überflutet, so seine Prognose. Wer zerstörte Gebäude rekonstruiere oder gar neue Baugebiete in Risikozonen ausweise, müsse mit identischen Folgen rechnen. Alternativ könne die Gesellschaft die wiederkehrenden Schäden als Kosten für das Privileg betrachten, in diesen Lagen zu leben.
Cerdà regt eine gesellschaftliche Debatte darüber an, ob die wiederkehrenden Belastungen – wirtschaftlich wie psychologisch – durch Versicherungszahlungen und Reparaturen gerechtfertigt sind. Er verweist auf die Möglichkeit, besonders exponierte Siedlungen an sicherere Standorte zu verlegen. Ein solches Vorgehen sei nicht neu: Bereits nach dem Bruch des Tous-Staudamms im Jahr 1982 wurden die Ortschaften Beneixida und Gavarda in höher gelegene Lagen umgesiedelt. Allerdings handelte es sich damals um vergleichsweise kleine Gemeinden, während die aktuell betroffenen Gebiete eine deutlich größere Bevölkerungsdichte aufweisen.
Grenzen des technischen Hochwasserschutzes
Bei der Suche nach technischen Lösungen zeigt sich der Geografie-Professor zurückhaltend. Herkömmliche Staudämme, wie sie an großen Flüssen üblich sind, kämen im Einzugsgebiet der betroffenen Bäche und Flüsse kaum in Frage. Die Region sei durch ein kleines, stark geneigtes Gewässernetz mit plötzlich auftretenden Abflüssen geprägt, was die Wirksamkeit solcher Bauwerke stark einschränke. Sinnvoller seien Maßnahmen zur Abflachung von Hochwasserspitzen, beispielsweise durch naturnahe Überflutungsflächen entlang der Gewässerläufe.
Bestehende Projekte wie Barranco-Umleitungen oder Flutparks könnten zwar zur Entschärfung beitragen, seien aber kein Allheilmittel. Entscheidend sei vielmehr, den Flüssen ihren natürlichen Raum zurückzugeben. Über Jahrzehnte seien Gewässerläufe eingeengt und überbaut worden, um Platz für Siedlungen oder Landwirtschaft zu schaffen. Diese Flächen müssten wieder als Überflutungszonen vorgehalten werden.
Versiegelte Böden und intensive Landwirtschaft als Verstärker
Ein weiterer Faktor sei die zunehmende Bodenversiegelung durch Straßen- und Wohnungsbau, die den natürlichen Wasserhaushalt störe. Hinzu komme die intensive landwirtschaftliche Nutzung mit hohem Herbizideinsatz, welche die Böden stark verdichte und die Versickerung von Niederschlägen zusätzlich behindere. Cerdàs Forschungsgruppe fordert seit Jahrzehnten eine nachhaltigere Bewirtschaftung in den oberen Einzugsgebieten, um den Oberflächenabfluss zu reduzieren.
Mehr als nur Hochwassergefahr
Obwohl Überschwemmungen das größte Risiko für die Region darstellen, warnt der Experte davor, andere Gefahren zu vernachlässigen. Er nennt Gebäude in Küstennähe, die durch den steigenden Meeresspiegel und zunehmende Stürme bedroht sind, sowie Eingriffe in die Küstendynamik durch Hafenbau und Wellenbrecher. Auch die Waldbrandgefahr in Wohngebieten, die zunehmend in bewaldete Zonen hineinwachsen, sieht er als wachsendes Problem.
Verbesserter Bevölkerungsschutz als zentrale Aufgabe
Als dringendste Lehre aus der jüngsten Katastrophe betrachtet Cerdà jedoch die Verbesserung des Katastrophenschutzes. Die Bevölkerung sei bei der DANA viel zu spät gewarnt worden – ein Versagen, das es zu beheben gelte. Die technischen Möglichkeiten zur Echtzeitüberwachung von Wetterlagen seien vorhanden, es mangele an der konsequenten Nutzung für die Alarmierung. Gleichzeitig appelliert er an die Eigenverantwortung der Bürger, sich auf Notfälle vorzubereiten. Regelmäßige Übungen, wie sie in anderen Gefahrenzonen üblich sind, sollten auch in Valencia selbstverständlich werden.
Trotz der düsteren Aussichten sieht der Forscher zumindest einen positiven Aspekt: Die Einsatzkräfte seien zunehmend professioneller ausgerüstet. Doch angesichts der Naturgewalten stoße auch diese Vorbereitung an ihre Grenzen. Er verweist auf weitere Risiken wie Seebeben im Süden der Valencianischen Gemeinschaft, die nicht außer Acht gelassen werden dürften. Die Gesellschaft müsse ihre wirtschaftlichen Ressourcen verstärkt in Prävention statt in die Reparatur von Schäden investieren.
Wie Cerdà gegenüber der Nachrichtenagentur Europa Press betonte, sei die Neuordnung des Territoriums unter Berücksichtigung der sich wandelnden Risiken eine zentrale Zukunftsaufgabe. Die Gefahren von heute seien nicht mehr dieselben wie vor 50 Jahren. Die derzeitige Entwicklung gebe daher wenig Anlass zu Optimismus. Erschwerend komme hinzu, dass die Siedlungsschwerpunkte in den betroffenen Gemeinden in den tiefsten Lagen der Entwässerungsbecken lägen – eine Tatsache, die sich nicht ohne Weiteres ändern lasse, ohne ganze Ortschaften zu verlegen.
Quelle: europapress.es