Euthanasie-Gesetz: 25 Tage statt 601 Tage Leid

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Katalonien

Euthanasie-Gesetz: 25 Tage statt 601 Tage Leid

von Sabine Keller

Wenn Recht zu Folter wird

Die Zahl ist eine Anklage: 601 Tage. Fast zwei Jahre musste Noelia Castillo warten, nachdem ihr der assistierte Tod bereits bewilligt worden war. Eingeklemmt in einem Geflecht aus 15 gerichtlichen Instanzen, initiiert durch die Einsprache ihres Vaters, erlebte sie, wie ein erkämpftes Recht durch seine eigene bürokratische und juristische Umsetzung zur verlängerten Qual wird. Ihr Fall ist das Paradebeispiel für eine systemische Grausamkeit, die jetzt korrigiert werden soll. Der spanische Kongress hat eine Reform des Euthanasiegesetzes auf den Weg gebracht, die solche “juristischen Pilgerreisen” beenden will. Kern: Ein Gerichtsverfahren gegen eine Bewilligung darf künftig nicht länger als 25 Tage dauern. Eine überfällige humanitäre Korrektur – und doch ein Grund für erbitterten Widerstand.

Der Vorstoß aus Katalonien: Celerität statt Prolongation

Angestoßen wurde die Initiative vom Parlament in Katalonien, wie aus der parlamentarischen Debatte hervorgeht. Die Fraktionen von PSC, Junts, ERC, Comuns und CUP, später unterstützt von Aliança Catalana, sahen den dringenden Handlungsbedarf. Ihr Argument ist ebenso einfach wie unwiderlegbar: Es geht darum, “nicht auf unnötige und unmenschliche Weise das Leiden” der Person zu verlängern, die um Sterbehilfe gebeten hat. Die seit 2021 geltende Regelung, eines der “garantiesten Verfahren unseres Rechtsstaats” – wie Junts-Abgeordneter Jordi Fàbrega betont –, bleibt in ihren Voraussetzungen unangetastet. Geändert wird nur der Umgang mit Rechtsmitteln dagegen.

Die Reform sieht ein “besonderes” Verfahren mit dem Kriterium der “höchsten Beschleunigung” vor. Ressourcen sollen direkt beim zuständigen Obersten Gerichtshof (Tribunal Superior de Justicia) eingereicht und in einem Maximum von 25 Tagen entschieden werden. Das Ziel, so ERC-Sprecher Juli Fernàndez, ist, das Leben von Menschen, die alle Kontrollen durchlaufen haben, nicht “gegen ihren Willen” zu verlängern. Die Statistik zeigt den Bedarf: Bis Ende 2024 gab es 2.432 Anträge, in 1.123 Fällen (46%) wurde die Hilfe gewährt. Die größte Gruppe waren Menschen über 80 Jahre – für sie ist jede Verzögerung unerträglich.

Der konservative Widerstand: Prinzipientreue statt Empathie?

Die Reform wird gegen die geschlossenen Stimmen von PP und Vox vorangetrieben. Ihre Argumentation offenbart eine fundamental andere Weltsicht. Für den PP-Abgeordneten Antonio Román ist die geplante Beschleunigung keine “bloße technische Reform”, sondern ein Angriff auf die “rechtlichen Garantien, die eine irreversible Entscheidung umgeben”. In seiner Logik sind Gerichtsverfahren “kein Hindernis”, sondern Ausdruck notwendiger “juristischer Vorsicht”. Seine rhetorische Frage: “Wenn das Gesetz so garantistisch war, warum will man dann einige seiner Kontrollmechanismen schwächen?”

Diese Position blendet die menschliche Realität vollständig aus. Sie verwandelt das abstrakte Prinzip der Rechtssicherheit in ein absolutes, übergeordnetes Gut, dem das konkrete Leiden des Einzelnen unterzuordnen ist. Was für Román eine “Garantie” ist, war für Noelia Castillo und andere eine 601-tägige Folter. Die Linke im Parlament nannte das Kind beim Namen: Podemos-Sprecher Javier Sánchez sprach von einer “endlosen Kette von Rechtsmitteln”, der PNV-Abgeordnete Mikel Legarda von “Pilgerreisen” durch die Instanzen. Sumar-Deputierte Júlia Boada verwies auf den “öffentlichen, medialen und sensationslüsternen” Diskurs, der das Leiden der Betroffenen noch vergrößert.

Ein Kulturkampf mit klaren Fronten

Die Debatte fiel zeitlich mit dem Besuch von Papst Leo XIV. im Kongress zusammen, der sich dort gegen Euthanasie und Abtreibung aussprach – eine Position, die von rechten Rednern zitiert und von linken deutlich zurückgewiesen wurde. Das unterstreicht: Es geht hier um mehr als Verfahrensdauer. Es geht um den grundsätzlichen Umgang mit Autonomie am Lebensende.

Die Reform ist ein notwendiger Akt der Konsequenz. Ein Recht auf einen würdevafen Tod, das durch juristische Schikanen praktisch unmöglich gemacht werden kann, ist ein Papiertiger. Die 25-Tage-Frist ist keine Schwächung der Garantien, sondern ihre Vollendung. Sie schützt das Recht vor seiner administrativen und ideologischen Aushöhlung. Wer hier von “Vorsicht” spricht, legitimiert in Wahrheit die Instrumentalisierung von Verfahren, um einen gesellschaftlichen Kompromiss doch noch zu kippen. Der Fall Noelia Castillo hat gezeigt, wohin das führt. Diesem unwürdigen Spiel muss ein Riegel vorgeschoben werden. Die Zeit des Leidens darf nicht länger in den Händen von Prozessverschleppern liegen.

Quellen: Debattenbeiträge aus dem Spanischen Kongress (Jordi Fàbrega, Juli Fernàndez, Antonio Román u.a.), Statistik zum Euthanasiegesetz bis 31.12.2024, Initiativantrag des Parlaments von Katalonien.


Quelle: 20minutos.es

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